Wie Nina George und der VS unser Internet kaputt machen

Das EU-Parlament hat für eine dubiose Urheberrechtsreform gestimmt, und ich finde es ziemlich scheiße, weil es komplett gegen meine Vorstellung von einem freien Internet und von Kreativität geht. Noch viel schlimmer aber ist die Freude von Nina George und des Verbands der Schriftsteller (VS).

Vor zwei Jahren hielt Nina George eine Rede bei den Leipziger Buchtagen, die extrem polemisch und problematisch war und tatsächlich nur dazu diente, Menschen Angst zu machen. Seitdem wird Frau George in Schriftstellerkreisen als Sprachrohr der armen und ausgebeuteten Schriftsteller gesehen und ist in dieser Funktion Mitglied des Bundesvorstandes des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und Beauftragte für das Ressort Urheberrecht. Wie im oben verlinkten Artikel ausgeführt, finde ich ihre Argumentation sehr gefährlich.

»Seit siebzehn Jahren warten Europas Kreativschaffende und ihre Branchenpartner auf eine rechtliche Grundlage für gerechte Vergütungen bei der Nutzung ihrer Werke im Internet. Die Entscheidung des Parlaments ist ein dreifaches Ja: zur Verantwortung, zur Kulturvielfalt im Internet, aber auch zum Schutz und zur Freiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher«, so Nina George, Mitglied des Bundesvorstandes und Beauftragte für das Ressort Urheberrecht.

Aus der Pressemitteilung des VS

Die Urheberrechtsreform wird hier als große Neuerung und Verbesserung angepriesen, und scheinbar gibt es besonders unter den schreibenden Menschen die Hoffnung, endlich von ihren Werken leben zu können. Ich glaube, dass Nina George genau deshalb so viel Zustimmung erfährt. Jeder will endlich für seine Werke gerecht entlohnt werden, und diese Reform soll das richten. Aber das wird nicht passieren.

Wir brauchen nicht darüber reden, dass Diebstahl und Piraterie illegal sind und nicht passieren sollten und wir Wege finden müssen, diese zu unterbinden oder wenigstens für Nutzer unattraktiv zu machen. Aber die Lösungen, die in der aktuellen Reform angesprochen werden, werden nicht funktionieren.

Die „gerechte Vergütung“ soll einerseits über das Leistungsschutzrecht erreicht werden, andererseits über die Inpflichtnahme der sozialen Netzwerke und Plattformen, die von Usern hochgeladenen Dateien vorab auf Urheberrechtsverletzungen zu überprüfen und die Veröffentlichung zu unterbinden. Im folgenden Uploadfilter genannt.

Uploadfilter sollen also verhindern, dass illegale Dateien verbreitet werden. Ein Algorithmus entscheidet, ob die hochgeladene Datei eine Urheberrechtsverletzung darstellt. Ähnliche Filter setzen YouTube, Instagram und Facebook schon länger ein, um beispielsweise Bilder von weiblichen Nippel zu unterbinden. Problem ist: Bisher gibt es keinen Algorithmus, der das richtig kann. Stattdessen bremst YouTube eine Kampagne gegen Sexismus aus, und Facebook löscht nicht nur „echte“ Nippel, sondern weist auch Bilder von Kulturgütern wie alten Gemälden ab, sodass es Museen erschwert wird, sich in den sozialen Medien und nah an einer jungen Zielgruppe zu vermarkten.

Es wird noch lange keinen Algorithmus geben, der zwischen einem Zitat, eine Parodie, einem Remix oder eben einer wirklichen Verletzung unterscheiden kann. Angesichts der hohen Strafen für die Plattformen bei Verletzung des Gesetzes werden diese ihre Filter eher schärfer einstellen und lieber zu viel filtern. Das bedeutet vielleicht weniger illegale Kopien geschützter Werke in den sozialen Netzwerken. Das bedeutet aber auch, dass beispielsweise gifs nicht mehr hochgeladen werden können, wir im Zweifelsfall keine Bilder von schönen Buchcovern mehr machen können, mit denen wir unsere Instagramkanäle füllen und Frau George keine Werbung mehr für schreibende Kolleginnen unter dem Hashtag #Autorinnenzeit machen kann, weil diese Screenshots als Urheberrechtsverletzung gedeutet werden könnten.

Gewiss, auf einigen Plattformen könnten weniger illegale Kopien zu finden sein. Aber eben auch alles andere, das unsere Art, zeitgemäß zu kommunizieren ausmacht. Und es bedeutet nicht, dass es keinerlei Piraterie mehr gäbe. Weil die Verteilung über diese Plattformen nur einen Teil der Vertriebswege ausmacht. Die Portale, die schon jetzt nur für die illegalen Kopien existieren, werden sich nicht an dieses weitere Gesetz halten. Und wenn jemand etwas illegal und kostenlos haben will, wird er einen Weg finden.

Das Leistungsschutzrecht, welches nun EU-weit eingeführt werden soll, gibt es schon seit 2013 in Deutschland. Es sollte dazu führen, dass Verlage und Autoren besonders von Google an den Werbeeinnahmen beteiligt werden, die Google durch die Verwendung von Textabschnitten (Snippets) und Verlinkungen generiert. Schon damals wurde davor gewarnt. Es wurde dennoch durchgesetzt. Google drohte damit, keine Links mehr zu den Medienhäusern und Verlagen zu setzen. Dann:

Kurz vor Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts wurde am 30. Juli 2013 bekannt, dass viele der stärksten Befürworter des Gesetzes, darunter die Verlage Axel Springer, Burda und FAZ, durch Annahme des von Google geforderten „Opt-In“ einer weiteren unentgeltlichen Listung in Google News zugestimmt haben.

Aus dem Wikipediaartikel

Heißt: Der Schaden für die Verlage wäre größer, wenn sie gar nicht bei Google auftauchen würden, als dass sie es kostenlos tun. Und dieses neue Gesetz soll nun in der ganzen EU dafür sorgen, dass die Verlage und Autoren mehr Geld bekommen? Meine Vorhersage: Google bekommt wieder seine Gratislizenz der meisten Verlage, weil sie es sich nicht leisten können, nicht von Google gelistet zu werden. Aber die Verschärfung führt dazu, dass kleinere Anbieter nicht mehr auf die Verlage verlinken werden. Im schlimmsten Fall kann ich bei einer Buchbesprechung nicht mehr auf den Verlag verlinken, weil ich nicht dafür zahlen kann und möchte. In meinen Augen verlieren die Verlage dadurch mehr, als sie verdienen könnten. Und selbst, wenn sie etwas verdienen sollten, gingen knapp zwei Drittel aller Einnahmen im deutschen Raum an die Axel-Springer-Gruppe. Es sind also mitnichten die kleinen (Buch-)Verlage und Autoren, die durch diese Regelung besser bezahlt werden würden. Eine von der EU-Kommission zurückgehaltene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das bereits existierende Leistungsschutzrecht der deutschen Medienlandschaft schadet und die Ausweitung desselbigen all das nicht besser macht.

Seit Monaten versuchen mehrere Gruppen, unter anderem unter dem Begriff #savetheinternet, auf genau diese Probleme hinzuweisen und zu warnen.

Der VS und Nina George nennen diese Aufklärung „Desinformationskampagne“ und „von Techgiganten inszenierte Meinungsmache“ und stellen diese „als Gefahr für demokratische Prozesse“ dar. Dabei ist es genau andersherum! Vielleicht werden ein paar illegale Vertriebswege gesperrt. Die „Anbieter“ werden sich neue suchen. Gleichzeitig aber wird vieles kaputt gemacht, was Teil des Internets ist, in dem ich mich gerne aufhalte und einen signifikanten Teil meiner Art zu kommunizieren darstellt. Dieser demokratische Dialog wird gestört.

Nicht falsch verstehen: Auch ich bin für eine Veränderung des Urheberrechts, für eine Unterbindung illegaler Aktivitäten und sehe die Macht großer Firmen kritisch. Es gibt viele verbesserungswürdige Dinge, Dinge für und gegen die wir uns einsetzen müssen. Aber nicht auf die Art und mit dem Kollateralschaden, den diese Reform mit sich zu bringen droht.

Die Buchbranche hat seit Jahren Angst um ihre alten und eingefahrenen Vertriebswege, und sie wiederholt die Fehler der Musik- und Filmindustrie. Sie klammert sich an jeden Versuch, auf irgendeine Art noch mit alten Strukturen Geld zu verdienen, statt sich der Aufgabe zu stellen, in unserem neuen Alltag Wege zu finden, das Buch zu vermarkten.

Die Freude von Nina George und des VS scheint mir ein Teil dieses Festklammerns zu sein. Das macht mich sehr traurig, weil ich mir von einem Verband schreibender Menschen mehr erhofft habe.

Was übrig bleibt: „Bei den meisten Menschen, die hoffen, wird die Hoffnung zerschmettert. Das ist realistisch. Aber…“

“Bei den meisten Menschen, die hoffen, wird die Hoffnung zerschmettert. Das ist realistisch. Aber jeder, dessen Hoffnung nicht zerschmettert wurde, begann als jemand, der Hoffnung hatte. Die Hoffnung ist der Eintrittspreis. Es ist und bleibt eine Lotterie mit beschissenen Gewinnaussichten, aber wenigstens ist es unsere eigene Lotterie.”

Walkaway – Cory Doctorow
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Bericht: Z2X18

Nach 2016, 2017 und dem Abstecher in Stuttgart bin ich zum vierten Mal auf dem Festival für neue Visionäre der Zeit. Es ist immer noch mehr Kongress als Festival, es werden jedes Mal mehr Menschen und immer noch, immer stärker fühlt es sich für mich an wie ein Familientreffen. 

Ich schaffe es dieses Jahr, nur am Samstag da zu sein. Also frage ich die Meeresbiologin Julia Duerschlag, wie der Müll ins Meer kommt und was wir dagegen tun können, arbeite mit Tizia und Michael von fairlanguage an einer gerechten Sprache und höre mir an, wie Vanessa und Minh Thu über ihren Rice and Shine Podcast reden und Fragen beantworten. 

Das ist schön, es macht alles Spaß und ich lerne viel. Aber 2 Stunden sind für solche Themen dann doch zu wenig, sodass oft dann immer noch das Gefühl bleibt, dass es – ob jetzt das Müllproblem oder die Sprache oder was auch immer – kompliziert ist.

Ist das der Mittelweg, damit wir mehr als einen Workshop mitnehmen können? Und trotzdem verpasse ich ja all die Sachen, die parallel passieren. Ich habe dafür keine Lösung, aber mir ist das aufgefallen. Und noch was anderes, ein Minderheiten-Mehrheitsdilemma, dass mir seit dem Wochenende nicht mehr aus dem Kopf geht. Kommt aber im extra Beitrag.

Trotzdem: Jedes Mal eine Freude. Dinge zu lernen, Menschen wiederzutreffen und neu kennenzulernen. Jedes Mal gerne wieder. Danke.

Roman: Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.

Der erste Satz aus Vom Ende der Einsamkeit

Jules wacht nach einem Unfall im Krankenhaus auf und rekapituliert sein Leben, seine Kindheit mit seinen Geschwistern und ohne Eltern, da sie früh ums Leben kommen. Beleuchtet Momente und holt Erinnerungen hoch, die sich verloren angefühlt haben. 

Dies ist mein erster Roman von Benedict Wells. Immer nur knapp zwei Jahre älter als ich, konnte ich an seinem Lebensweg den ablesen, den ich nicht eingeschlagen, aber immer beneidet habe. Weil ich mich nicht traute. Vielleicht auch, weil ich es nicht gekonnt hätte.

Deshalb wollte ich lange Zeit nicht in seine Bücher eintauchen, deshalb las ich dieses wohl auch mit einem überkritischem Blick, der mich im ersten Drittel des Romanes noch auf ein paar Kleinigkeiten aufmerksam machte. Zwei, drei Vorahnungen im Sinne von ‚wenn ich damals schon gewusst hätte, dann…‘, die unnötig sind. Auch gibt es ein Kapitel in dem die Erzählperspektive wechselt und für einen kurzen Moment nicht mehr ein Mann in Gedanken sein Leben abspielt und wir in seinem Kopf dabei sein, alles miterleben dürfen, schambefreit und unzensiert, sondern wir als existenter Leser angesprochen werden und für dieses Kapitel dem Erzähler klar ist, dass wir da sind und ich mir für diese Passage nicht mehr sicher bin, ob er mir vielleicht doch Dinge verschweigt.

Alles Kleinigkeiten, die mir nur auffielen, weil ich einerseits nach solchen Dingen gesucht habe und andererseits, weil die Geschichte sonst großartig erzählt ist.

Wells braucht keinen großen Plot erzählen, er schafft Atmosphäre und so ein Gefühl, dass ich in der Geschichte bin, in ihr bleiben will und von ihr berührt werde. Immer wieder neu identifiziere ich mich, vergleiche mein Leben, meine Gedanken, meine Träume und hänge auch nach dem Ende der Geschichte den Figuren nach. Vom Ende der Einsamkeit hat mich unterhalten, mich berührt, mich zum Nachdenken gebracht. Was will man von einem Roman mehr?

Für mich heißt das nun, ganz viele Romane nachholen. Ein Glück stehen schon alle im Bücherregal.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Blumensammler von David Whitehouse

Der erste Satz aus Der Blumensammler:

Dreitausend Meter unter dem Meeresspiegel ächzen die Knochen unter der Last der Einsamkeit.

Der erste Roman von David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek, hatte mich ernüchtert und irgendwie enttäuscht zurückgelassen. Aber ich sah dieses Cover, den Titel und den Klappentext und dachte, ich will es nochmal probieren.

Drei Männer und drei Geschichten, von denen nur eine die des Blumensammlers ist, wunderbar skurril und mit feinen Worten und Bildern erzählt. Das konnte David Whitehouse schon im Roman zuvor, das Ding mit den Worten und den Bildern.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/174529397672/es-taucht-aus-dem-nichts-auf-wie-es-erinnerungen

Diesmal aber fühle ich mich aber auch in der Geschichte und mit den Figuren wohl. Mit dem ehemaligen Waisenkind, das in der Londoner Notrufzentrale arbeitet. Mit dem alten Professor, der eigentlich nur mit seiner Frau zusammen sein will. Und natürlich mit Peter, dem Tatortreiniger, der in der Bibliothek in einem alten Buch einen Liebesbrief mit den Namen von sechs seltenen Blumen findet. Er beschließt, diese zu finden.

Whitehouse fädelt die Geschichten ineinander und ich ahne, dass alles irgendwie zusammengehört. Was es natürlich auch tut. Trotzdem und gerade deshalb lese ich mich ziemlich schnell durch das Buch, stets mit dem Smartphone in der Hand, weil ich die Blumen nachschlagen will, um die es geht. In ein paar Tagen habe ich die knapp 400 Seiten durch, lächelnd und gut gelaunt, weil es dann doch nochmal überraschend ist.

Es gibt zwei Dinge, die mich an der Geschichte wundern, die ich gern noch erörtert hätte. Bei einem Roman, der von Anfang bis Ende sauber geknüpft ist, stellen sich mir diese beiden Fragen (,die ich hier nicht stellen kann, ohne zu spoilern).  Aber ich kann sie auch als Interpretationsfreiraum sehen, welcher dem Leser gelassen wird.

Der Blumensammler ist ein innerlich und äußerlich schönes Buch, voller Liebe für die Natur und die losen Fäden des Lebens, mit einem besonderen Blick auf Charaktere und das Schicksal jedes Einzelnen.

Das erste Kapitel ist eine gute Leseprobe. Wenn man die Erlebnisse dort annehmen kann, dann kann man sich auf den Rest des Romanes freuen. Wenn man dort abgeschreckt wird, liest man lieber was anderes.

Der Blumensammler von David Whitehouse wurde übersetzt von Dorothee Merkel und erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wie man ein fremdes Haus betritt

Viktor ist vielleicht Anfang 50, seine dunkle Haut gezeichnet von Sonne und Arbeit und Leben, er kommt aus Mazedonien, in seinen Haaren und dem Bart leuchten die grauen Strähnen und wenn er grinst, strahlen nicht nur seine Zähne, sondern das ganze schmale Gesicht.

Er sitzt mit den Frauen vor dem Haus, auf weißen Plastikstühlen, er zieht an seiner Zigarette und unterhält sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Aber als wir mit den Möbeln an ihm vorbeikommen, begrüßt er uns und springt auf, um zu helfen. Nimmt mir ein Bettteil aus der Hand und geht voran, durch den Garten zur offenen Balkontür und obwohl das Haus noch zum Großteil Baustelle ist, noch keine Böden verlegt sind und die Stromkabel aus den unverputzten Wände gucken und wir die Möbel nur zwischenlagern, zieht er vor der Tür seine Schlappen aus, geht Barfuß hinein. Du kannst deine Schuhe ruhig anlassen, sagen wir, es ist dreckig und der Boden voller Späne und Nägel. Aber Viktor, die Kippe immer noch im Mund, schüttelt den Kopf.

Wenn man ein fremdes Haus betritt, zieht man die Schuhe aus. Auch wenn es noch eine Baustelle ist. 

Wir bedanken uns, er strahlt sein Grinsen und verschwindet wieder um die Ecke, er muss sich umziehen, damit er in die Moschee gehen kann.

Hörbuch: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing, gelesen von Sascha Rotermund

Der erste Satz aus Die Tyrannei des Schmetterlings:

Afrika.
Die durchweichte Zeit.

Ich mochte „Der Schwarm“. Ich habe auch eine okaye Erinnerung an „Limit“. Und Schätzing ist einer der präsentesten Autoren, die ich kenne. Ich kenne keinen anderen schreibenden Menschen, den ich so oft auf Plakaten in der Stadt gesehen habe. Schätzing weiß sich zu verkaufen. Und das ist das Problem.

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein Science-Fiction-Zukunfs-Philosophie-Krimi-Thriller plus Liebesgeschichte, der ganz klein beginnt und anfangs noch extrem spannend ist. Dann irgendwann erst ein großes und dann ein unendlich weites Bild entwirft, in dem sich jeder Handlungsfaden, jede Struktur und auch jede Ordnung in meinem Kopf verliert. 

Schätzing kann grundsätzlich schreiben. Ganz viele Momente sind schöne kleine Edelsteine, die für sich toll funktionieren. Aber innerhalb eines Buches ist das, was Schätzing versucht, nicht möglich. Leider kommt es mir vor, als ob Schätzing sich gern schreiben sieht und innerhalb eines Buches alles an Fähigkeiten und Infos und Möglichkeiten reinquetscht, was ihm in dem Moment einfällt. In so einem Extrem, dass Schätzing streckenweise nur noch Information ohne jede prosaische Form hinklotzt und selbst das Ende sich nur rangeklatscht anfühlt, ohne jede Anstrengung, nur damit das Buch zu Ende geht. Vom Ende einer Geschichte kann ich gar nicht sprechen, jede seiner Geschichte hat Schätzing auf dem Weg verloren. Was total schade ist.

Denn in diesem Buch stecken viele gute Ideen und Momente und Geschichten. Aber nicht so, wie Schätzing sie zusammenquetscht. Wenn Schätzing nicht Schätzing wäre und so bekannt wäre, hätte ihm kein Verlag das durchgehen lassen, was er hier veröffentlicht hat.

So weiß ich nicht, was genau ich da in der Hand halte und was ich damit anfangen soll. Und ich glaube, Sascha Rotermund ging es genauso. Als ob er nicht weiß, was genau er da liest, kämpft er sich besonders durch den Anfang und legt eine klischeehafte Actionstimme über Stellen, in denen gar keine Action passiert. Das macht das Zuhören streckenweise ziemlich anstrengend. Es wird im Laufe der Stunden viel besser und an den meisten Stellen mag ich, was Rotermund macht, aber der Anfang war holprig.

Ich bleibe ratlos zurück, weil ich in diesem Buch viel Schönes erfahren habe, viel Spaß hatte, aber es nicht so richtig gut finden kann oder es gar empfehlen kann. Schade.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing erschien bei Kiepenheuer und Witsch. Das Hörbuch wurde gesprochen von Sascha Rotermund und erschien beim Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Die Stadt dein Spielplatz: Stuttgart mit dem eBike erleben

Greenstorm ist Händler für gebrauchte e-Bikes und verkauft ‚Jahresbikes‘, also Fahrräder, die für ein Jahr von Hotels für die Hotelgäste benutzt wurden. Ich bin Botschafter für Greenstorm, das heißt, ich habe das Corratec E-Power X-Vert zur Verüfgung gestellt bekommen. Ein Jahr lang darf ich es fahren und testen und darüber berichten.

Mittlerweile sind die 500 Kilometer auf dem Corratec E-Power X-Vert überschritten, das Fahrrad ist Teil meines Alltags und begleitet mich auf vielen Wegen. 

Der Verein Parkour Stuttgart hat die Aktion „Your City My Playground„, bei der der Verein immer neue Übungsmöglichkeiten in der Stadt sucht. Ich mag die Idee, eine Stadt – besser noch, den Alltag grundsätzlich – als Spiel, als Spielplatz und nicht als notwendiges Übel zwischen Wohnung, Arbeit und Erholung zu sehen. Das Fahrrad allein ist schon großartig, um durch Stuttgart zu kommen. Mit einem eBike wird es aber zum Spaß.

Das Corratec ist eigentlich für Berge und schmale Wege durch Wälder gemacht, deswegen musste ich es für die Stadt erstmal ein wenig nachrüsten. Jetzt macht es sich in dieser Stadt aber perfekt. Es gibt zwar eine immer größere Masse an Fahrradfahrern in Stuttgart, trotzdem scheint mir Stuttgart eine Stadt, in der weder Fußgänger, noch Autofahrer davon ausgehen, dass Menschen mit Fahrrädern unterwegs sind. Es gibt immer noch viel zu wenig Fahrradstraßen oder Fahrradwege und immer noch viel zu viele Verkehrsteilnehmer, die zwar nach Autos und Fußgängern Ausschau halten, nicht aber nach Fahrrädern. Das heißt, in Einbahnstraßen für Autos schauen die Leute nur in die eine Richtung, obwohl sehr Fahrräder aus der anderen Richtung kommen könnten. 

Das heißt, als Fahrradfahrer muss ich für alle aufpassen und lege mehr Vollbremsungen hin, als die anderen Verkehrsteilnehmer. Manchmal ärgert mich das. Manchmal schreie ich Menschen hinterher. Und mein Böser Blick für Autofahrer hat sich ziemlich geschärft. Aber oft genug kann ich das alles als Spiel begreifen, besonders wenn mein Fahrrad so eine Beschleunigung hat, wie das Corratec. Dann sind Hindernisse Herausforderungen und jedes Hindurchschlängeln und in Schrittgeschwindigkeit wird mit einer sirrenden Beschleunigung belohnt.

Manchmal, wenn ich am Berg an jemandem vorbeiziehe, der ohne Motor hochfährt, habe ich noch das schale Gefühl eines Betrügers. Tatsächlich glaube ich aber nicht, dass ein eBike weniger sportlich ist, dass es mich weniger anstrengt. Es nimmt die Spitzen aus den Strecken und es gibt mir ein Netz, falls ich eine Strecke wirklich nicht schaffe. Auf der anderen Seite fahre ich länger und weiter, als früher.

Ich bin gespannt, wie das in den nächsten Monaten aussehen wird.

5 Erinnerungen an den Kindergarten

Hallo neues Leben.

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

  1. Die Grunderinnerung ist das Gefühl, nicht dorthin zu wollen. Das Gefühl, sich mit beiden Armen am Türrahmen festzuhalten. Eine braun lackierte Tür mit einem breiten gelben Balken als Klinke, auf der Innenseite in ausreichender Höhe ein Taster, damit Eltern alleine herauskommen. Ich weiß nicht mehr, warum und es war nicht immer so, aber dieses Gefühl hat sich eingebrannt.
  2. Es gab regelmäßig Äpfel, das Grundobst meiner Kindheit. Eines Tages sammelten wir die Kerne in einem Glas samt feuchtem Papier und konnten tatsächlich sehen, wie sie keimten. Wie sie Tag für Tag größer wurden. Keine Ahnung, was letztendlich daraus geworden ist, ob sie das Glas jemals verlassen haben. Aber sie strahlten eine Faszination aus, die ich bis heute inne habe.
  3. Jemand hatte Geburtstag und wir saßen an einem langen Tisch in Kindergröße. Es gab Kerzen und irgendwas leckeres, was nicht üblich war im Kindergarten, wir hatten Spaß und ich muss irgendwas getan, irgendeine Fertigkeit gezeigt haben, die einigermaßen besonders war. Ich habe vergessen, was. Aber sie war so interessant, dass jemand auf der anderen Seite des Tisches fragte, wie das genau funktioniert. Ich griff über den Tisch mit diesem stolzen Grundgefühl, etwas zu können. Jemandem etwas zeigen zu dürfen. Aber bevor ich es ausführen konnte, bevor ich jemandem helfen durfte, schrie eine Kindergärtnerin – damals hießen sie noch so – meinen Namen, so laut, dass ich zusammenzuckte, zurückzuckte. Mein Ärmel war einer Kerze nah gekommen. Es ist nichts passiert, aber mit diesem Schrei waren der Moment und auch jedes Gefühl von Stolz gegangen.
  4. Bei einem Sommerfest gab es verschiedene Stationen, mit denen man seine verschiedenen Sinne testen konnte, unter anderem eine Blindverkostung, bei der man erriet, was einem in den Mund gelegt wurde. Nach ein paar Dingen wie Banane, Apfel und Paprika legte mir jemand ein geschmackloses, glibberiges Ding in den Mund, von so zäher Konsistenz, dass ich augenblicklich eine Gänsehaut bekam und das Ding so schnell wie möglich schluckte. Es war ein Pilz. Es ist jeder Pilz, den ich seitdem gegessen habe.
  5. Ich war so neidisch auf den Kleiderschrank meiner Schwester, auf die Auswahl, die mir verwehrt blieb, dass ich mir von ihr einen Rock lieh und mit ihm in den Kindergarten ging, stolz und ohne mich um jemanden zu kümmern, meiner Mutter voran. Die damalige Leitung sah mich, nahm meine Mutter beiseite und sagte ihr, ‚Aber wenn ihr Sohn irgendwann mal anders wird, dann wissen Sie, wer Schuld ist.‘

Stories: Good Home von T.C. Boyle

Der erste Satz aus Good Home:

Es gab zwei Arten von Wahrheiten: gute und schmerzhafte.

T.C. Boyle ist optimaler Alleinunterhalter. Jede Lesung ein Spaß, ähnlich die Romane. Good Stories kondensiert dies, 20 Einblicke in 420 Seiten. Boyle umgeht dabei oft das deutsche Prinzip einer Kurzgeschichte, gibt mehr einen Einblick in menschlicher Lebensumstände, die meinem sehr fern sind, als einen überraschenden Twist oder eine unerhörte Neuigkeit. Es ist Auffächern des Alltags.

Good Home ist wie ein Fernseher der regelmäßig und unkontrolliert den Kanal wechselt. Meist dann, wenn ich diesen Ausschnitt der Welt, die Motivation der Figuren und ihr Handeln, wenn schon nicht gutheißen, dann zumindest nachvollziehen konnte, wechselte der Sender. Mehr als einmal blätterte ich um, entrüstet, dass es nicht weitergeht. Nur um mich dann in die neue Situation einzufinden.

Nicht alle Geschichten haben mir getaugt, nicht alle Situationen fand ich interessant. Aber selbst sie sind Teil dieser Möglichkeit, in menschliches Handeln, meist in ihre Abgründe zu blicken. Dass ich nach den meisten Geschichten mehr wollte, quasi mitten im Ritt rausgeworfen wurde, war in den Momenten zwar ärgerlich, erhält die Erinnerungen aber umso leuchtender. Treibt die Fantasie umso weiter an.

Und, Hanser hat ein ziemlich schönes Cover und wertig gemachtes Buch hingelegt. Nicht nur wegen des Inhalts habe ich dieses Buch sehr gerne in der Hand.

Good Home von T.C. Boyle wurde übersetzt von Anette Grube und Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Die Haltlosen – ein kollaborativ geschriebener Roman

Letzte Woche durfte ich mit zehn jungen Erwachsenen drei Tage lang arbeiten und mit ihnen einen Roman schreiben. Seit knapp zehn Jahren gebe ich Workshops in kreativem Schreiben und Poetry Slam, aber noch nie durfte ich in so kurzer Zeit mit Menschen an einem Roman arbeiten. Spannendes Experiment, denn ich ließ die Gruppe entscheiden, ob sie entweder einen Episodenroman schreiben, in dem jeder seine Geschichte hat, die wir dann miteinander verklinken, oder ob wir gemeinsam an einer großen Geschichte arbeiten.

Ich habe kollaboratives Schreiben nicht erfunden, aber spätestens seit meinem Studium in Hildesheim glaube ich, dass es – wie beispielsweise beim Film – sehr gut funktionieren kann, einen Roman in seine Bestandteile auseinanderzunehmen und jeden Künstler der Gruppe seine Stärken ausspielen zu lassen. Genau das haben wir gemacht.

Nach einer Einführung in Kreativität, Masterplots und Storytelling im Allgemeinen haben wir uns am ersten Tag auf eine Prämisse (‚Was wäre, wenn die Schwerkraft auf der Erde immer wieder für kurze Zeit aussetzt‘), einen Masterplot (Heldenreise), einen Twist (Spoiler!) und eine weibliche Hauptfigur (wir nennen sie ‚Welf‘) geeinigt. Dann hat sich die Gruppe gedrittelt und jedes Team hatte eine der folgenden Aufgaben:

  1. Worldbuilding: Wie könnte eine Welt aussehen, in der einmal am Tag die Schwerkraft aussetzt? Was hat das für Auswirkungen auf die Welt? Wie gehen die Menschen damit um? Was könnten sogar die Vorteile sein? Was könnte nicht mehr verwenden werden?
  2. Plot anpassen: Ausgehend von der klassischen Heldenreise, wie könnte unser ganz eigener Plot aussehen?
  3. Charakterbuilding: Wer ist Welf? Wie sieht sie aus? Wie redet und handelt sie? Und warum? Was ist ihr Hintergrund. Selbiges gilt für einen Gefährten und für einen Antagonisten.

Am Ende des ersten Tages stellte jedes Team seine Ausarbeitungen vor, wir sammelten alles und jeder suchte sich eine Szene aus, die er am Vormittag des ersten Tages schreiben würde. Wie schon bei der Aufgabenverteilung zuvor stellte sich raus, wo wessen Stärken lagen: Ein paar schrieben die Actionszenen des Romanes, andere konzentrierten sich auf die Chemie zwischen Welf und ihrem Gefährten (Kit ist ein Mensch, der sich der Geschlechtszuordnung entzieht, was das Schreiben der Szenen extrem erschwert). Wieder andere erzählten den Alltag einer Welt, die jeden Tag irgendwann mal in der Schwebe ist.

All diese Ausschnitte stellten wir vor, arbeiteten daran literarische Mittel heraus und puzzelten sie an die richtige Stelle des Romanes. Wir einigten uns auf die Erzählform (Ich-Perspektive und Präsens) und verteilten die nächsten Szenen, beziehungsweise arbeiteten die schon existierenden weiter aus.

Unser Workshop war Teil eines größeren Angebots, in dem eine Woche lang gemeinsam an Dingen gearbeitet wurde und am Ende die Ergebnisse der fünf Workshops (Exit Room, Graffiti, Produktdesign mit Beton, Trickfilm und Roman schreiben) die Ergebnisse vorgestellt werden sollten. Während alle anderen ihre Ergebnisse erlebbar und ansehbar machen konnten, konnten wir niemals den gesamten Roman vorlesen. Also machten wir uns an Tag 3 daran, ein Cover zu bauen, einen Klappentext zu schreiben und eine Präsentation samt kurzer Lesung zu konzipieren.

Und hier ist das Ding: Was sich als Experiment in meinem Kopf ganz spannend angefühlt hat, wurde in diesen drei Tagen mehr als übertroffen. Weil uns natürlich allen klar war, dass wir in dieser kurzen Zeit auf gar keinen Fall einen ganzen Roman produzieren konnten. Nichtmal eine Rohfassung, allein schon das Tippen bräuchte mehr Zeit. Aber selbst als das Cover, die Inhaltsangabe und die Präsentation standen, saßen wir alle an unseren Computern, meist in einem Raum, klärten nebenbei Dinge wie erzählte Zeit und Jahreszeit, Eigenheiten der Figuren und Plotdetails und arbeiteten nicht für die Präsentation, sondern für diesen Roman.

Diese Motivation und die Grundstimmung dieser Gruppe befriedigt mich so extrem positiv und machen mich bodenlos dankbar. Weil sie zeigen, dass das tatsächlich funktionieren kann. Nun sind die drei Tage um und wahrscheinlich werden wir uns in der Konstellation nie mehr sehen. Höchstwahrscheinlich wird die jetzt existierende Gruppe auch nicht so motiviert dranbleiben. Aber wenn nur ein Paar Leute die Energie halten, bin ich auch dabei. Und in irgendeiner Form werden wir unsere Ergebnisse öffentlich machen. Bis dahin, viel Spaß mit dem Klappentext unseres Romanes ‚Die Haltlosen‘:

Die Welt, in der die 18-jährige Welf lebt, ist nicht die, die wir kennen: Seit gut fünfzig Jahren setzt einmal am Tag die Gravitation aus und die Schwebe tritt ein. Für die Gesellschaft, geteilt in Haltlose und die, die sich ein sicheres Leben, unbeeinflusst der Schwebe leisten können, ist dies Alltag. Doch eines Tages gibt es das erste Mal eine zweite Schwebe, gefolgt von zunehmenden unkontrollierten Ausfällen. Ausgerechnet Welf und Kit, eine androgyne Quasselstrippe, fallen Aufzeichnungen eines Verschwörungstheoretikers in die Hände. Als die Spur sie in die Tiefen der vatikanischen Archive führt, ahnt niemand, dass es nicht nur darum geht, die Welt zu retten.

Buch: The Art Of Asking von Amanda Palmer

Lesestoff: The Art of asking von Amanda Palmer. #amreading #afp

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus The Art Of Asking:

‚Hat jemand ein Tampon? Ich hab‘ gerade meine Tage bekommen‘, sage ich laut zu niemand Bestimmtem auf der Frauentoilette eines Restaurants in San Francisco oder in der geteilten Toilette auf einem Prager Musikfestival oder zu dem nichtsahnenden Grüppchen in einer Küche auf einer Party in Sydney, München oder Cincinnati.

2013 gibt Musikerin und Künstlerin Amanda Palmer einen TED-Talk über die Kunst des Fragens und erzählt in knapp 14 Minuten von ihrer Erfahrung, was passiert, wenn man Fans und Menschen generell nicht zwingt, für Kunst zu zahlen, sondern sie darum bittet und selbst entscheiden lässt.

Auf die überwältigende Resonanz folgt dieses Buch, das einerseits die Themen des Talks weiter ausführt, autobiografisch erklärt, wieso Amanda Palmer ist, wie sie ist und wie ihre Einstellung zu Kunst und Menschen zustande kommt.

Ich kenne Amanda Palmer vor dem TED Talk nicht, kenne die Musik nicht. Aber vieles im Talk spricht mir zu, also konsumiere ich sie und ihre Kunst und eben dieses Buch.

Sie schreibt lustig und flott, ehrlich und auch naiv. Sie erzählt ihre Geschichten und verbindet ihre Ansichten damit, die meinen sehr ähnlich sind. Auch ich glaube, dass mit ‚Zahl, was du willst‘ und frei verfügbarer Kunst viel zu erreichen ist, und dass Kunst inspiriert und weiterverarbeitet werden kann und sollte.

Und sie ist ein eine weitere Verbindung zwischen verschiedenen Personen und Ansichten, die mir wichtig sind. Sie ist die Ehefrau von Autor Neil Gaiman, er ist signifikanter Teil der Anekdoten und auch seine Art, Geschichten zu erzählen, wird in diesem Buch erklärt. Zusammen haben beide das Vorwort für ein Sachbuch von Cory Doctorow geschrieben, der aus einem ähnlichen Antrieb heraus den Großteil seiner Bücher als kostenlosen Download auf seiner Homepage hat.

So setzt Amanda Palmer mit diesem Buch mehrere Verbindungen und Puzzleteile in ein immer größeres Bild, schafft mir neue Ansichten, stärkt schon existierende und motiviert immer wieder, neue Dinge auszuprobieren und Konventionen zu hinterfragen.

The Art Of Asking von Amanda Palmer wurde übersetzt von Viola Krauß und erschien bei Eichborn

 

Theater: Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt

Vor knapp drei Wochen waren Hannes Wittmer und Finn-Ole Heinrich mit ihrem Programm im JES, war ein sehr schöner Abend und eine gute Motivation, die Produktion von Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt des JES nach der Romantrilogie von Finn-Ole Heinrich und der Theaterfassung, die er zusammen mit seiner Frau Dita Zipfel produziert hat, anzusehen. Ohne zu wissen, was eigentlich passiert.

Gestern also die Premiere. Schon beim Betreten des Saals sind alle Schauspieler auf der Bühne und das bleibt bis zum Ende so. Niemals geht jemand ab. Stattdessen geht es irgendwann laut und chaotisch los und ich brauche ein paar Minuten, bis ich Anna-Lena Hitzfeld die Rolle der 12jährigen Paulina abnehme, die nach der Trennung ihrer Eltern zusammen mit ihrer Mutter (Sarah-Ann Kempin) in eine kleine Wohnung ziehen muss und damit ihren Rachfeldzug gegen ihren Vater (Milan Gather) einleitet.

Dafür bekommt sie Hilfe von Klassenkamerad Paul – knuffig tölpelhaft und glaubwürdig verkörpert von Sebastian Brummer – und eine gewisse Art seelischen Beistands durch ihren Opa, gespielt von Gerd Ritter. Und dann ist da noch Ludmilla – Sabine Zeiniger – die im neuen Zuhause für Ordnung sorgt.

Sobald die Geschichte läuft und klar ist, dass es um viel mehr geht, als nur diesen Auszug und dass auch Paul nicht nur der nette Schuljunge von nebenan ist, sondern sein eigenes Leben mit Problemen hat, bin ich drin. Es gibt kaum klar voneinander abgegrenzte Szenen, alles verschwimmt ineinander und selbst wenn der Fokus links auf der Bühne liegt, bleiben die Akteure rechts auf der Bühne in ihren Rollen und Aktionen, bis sie plötzlich eingebunden werden.

Das gibt dem ganzen Stück einen guten Zug, der durch musikalische Untermalung nochmal verstärkt wird. Im Film werden mit Musik unterlegte Montagen gemacht, um in wenig Zeit viel Fortschritt zu zeigen, das Stück kriegt hier das gleiche hin, aber auf einer weiteren Ebene, weil in diesen Momenten verschiedene Aktionen gleichzeitig passieren und alle Schauspieler immer eingebunden sind. Das macht extrem Spaß, zuzugucken und gibt dem ganzen Stück einen sehr filmartigen Charakter.

Knapp 80 Minuten bin ich vollkommen in der Welt, lache und leide mit, spüre die Wut der Maulina Schmitt, aber auch die Liebe und die Wunder des Lebens, herzwarm und Tränen in den Augen, mit ganz vielen kleinen wundersamen Einfällen, die das gesamte Werk so schön machen.

Ein wenig leid tut es mir um Milan Gather und den von ihm gespielten Vater, weil er im Gegensatz zu allen anderen Figuren blass und flach bleibt und Gather sich nie richtig ausspielen kann.

Und dann gibt es ganz kurz vor dem Schluss eine Sequenz, die mich leider vollkommen aus der Geschichte und Welt reisst. Ein Stolpern, dass mich so aus dem Takt bringt, dass ich danach leider nicht mehr reinkomme und ein wenig verdattert aus dem Theater komme. Mehr will ich gar nicht sagen, weil ich nichts vorwegnehmen muss. Dennoch:

Eine wunderschöne Geschichte, wunderbar erzählt, grandiose Bilder, tolles Spiel und ganz viele kleine Wunder und Eigenheiten, die es glänzen machen und mich mehr als froh.

Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt, jetzt im JES, alle Infos gibt’s auf der Seite.

Hörbuch: Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinian, gelesen von Luise Helm

Der erste Satz aus Wir sehen uns am Meer:

Jemand war an der Tür.

Es ist kurz nach dem 11. September 2001 in New York und die Stimmung ist sowieso angespannt. Liat ist Studentin aus Israel und für ein halbes Jahr in der Stadt, als sie den Künstler Chilmi kennenlernt. Chilmi ist gutaussehend und charmant, aber vor allem ist er Palästinenser.

Dorit Rabinian erzählt nicht nur eine klassische Boy meets Girl – Geschichte, sondern verwendet sie, um daran den Konflikt Israel – Palästina anzureissen. In Israel schlug der Roman hohe Wellen, galt als zu gefährlich, um ihn in Gymnasien zu empfehlen.

Ich kenne mich viel zu wenig mit der Geschichte und dem Leid dieses Konfliktes aus und kann deshalb nur ahnen, um was es wirklich geht. Aber ich kann es nicht spüren. Mir fehlt das Wissen, um die Größe der Tragik zu verstehen.

Bleibt eine Liebesgeschichte mit Deadline, poetisch geschrieben und einfühlsam erzählt von Luise Helm. Irgendwas stört mich an der Art, wie sie dieses Buch spricht, bis ich ans Ende komme und es Licht über den ganzen Roman wirft.

Ich glaube, Romane wie dieser sind wichtig, weil sie gesellschaftliche Themen in neues Licht rücken und auch Menschen wie mich auf Konflikte aufmerksam macht, die mir bisher im Dunkeln lagen. Aber die Geschichte selbst ist leider nur nett. Es gibt gute und auch gut geschriebene Szenen. Aber alles in allem berührt mich die Geschichte nicht, wie ich glaube, dass sie es sollte.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinian wurde übersetzt von Helene Seidler und gesprochen von Luise Helm. Das Taschenbuch erschien bei Droemer, das Hörbuch bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf. Ein Abend mit Finn-Ole Heinrich und Hannes Wittmer (fka Spaceman Spiff) am 15. Juni im JES Stuttgart

Ab dem 4. Juli spielt das Junge Ensemble Stuttgart (JES) ‚Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt‚, nach den Romanen von Finn-Ole Heinrich. Vielleicht deshalb, vielleicht einfach so sind Finn-Ole Heinrich und Hannes Wittmer (fka Spaceman Spiff) mit ihrem Programm ‚Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf‘ im Foyer des JES.

Eine kleine Bühne, zwei Stühle, ein Laptop, ein Looper und Instrumente. Und die Bitte, keine Fotos zu machen. Wittmer und Heinrich sind seit acht Jahren gemeinsam auf der Bühne und ihr Programm ist eine lose Folge einzelner Teile, eine Mischung aus Konzert und Lesung, aus Filmschnipseln und Soundtrack. Das heißt, weder wir im Publikum, noch die beiden auf der Bühne wissen, was genau passieren wird. Deshalb schauen wir eher Künstlern dabei zu, wie sie Dinge tun und Spaß haben.

Letztendlich ist der namengebende Teil des Abends nur ein Ausschnitt, darum liegen Geschichten, Anekdoten, Songs und Stille und gerade das Spontane, die Fehlerbehaftetheit und die Intimität der Beiden macht es zu warmen Stunden voller Herz und Lachen und Melancholie. Es macht einfach Spaß, den Beiden zuzusehen.

Ich kannte beide bisher nur vom Namen. Jetzt muss ich mehr lesen, mehr hören. Danke dafür.