Was übrig bleibt: „Es gab kurz nur mich, den Stuhl am Fenster und die Aussicht nach draußen, einen kurzen Moment der…“

“Es gab kurz nur mich, den Stuhl am Fenster und die Aussicht nach draußen, einen kurzen Moment der Bestandsaufnahme: Allen geht es gut, ich muss mich um niemanden kümmern, und draußen wird es Sommer.”

Nachts ist es leise in Teheran – Shida Bazyar
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Roman: Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Neuer Lesestoff: Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. #amreading #nofilter #kiwi #dasdebut #debut #lis

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Der erste Satz aus Nachts ist es leise in Teheran:

König der Könige haben sie ihn genannt und gesagt, Wir feiern ihnm wir feiern seine Frau, die Schönheit, sie haben gesagt, Wir lieben dieses Land und dann haben wir gesagt, Wir lieben dieses Land.

Die Geschichte einer Familie, die aus dem Iran nach Deutschland fliehen muss, in vier Akten, die 40 Jahre überbrücken und aus der Sicht vier verschiedener Familienmitglieder. Das ist der Roman in einem Satz.

Dahinter stecken aber rund 280 Seiten, die mir ein Land und eine Kultur gezeigt haben, die ich kaum kenne. Dabei setzt Bazyar die Möglichkeiten, die sie durch ihre Erzählstruktur hat, extrem gut ein. So ist jeder Akt nicht nur in seiner eigenen überzeugenden Sprache geschrieben, sondern auch aus einer anderen Lebenseinstellung. Das heißt, ich kriege nicht nur eine Version des Irans, ich bekomme vier. Und damit ein Spektrum an Wahrnehmung und Einschätzung die mir sagt, dass es nicht den Iran, die Kultur oder gar den Islam gibt, sondern eben so viele, wie es Menschen gibt. Natürlich, das ist nichts Neues und war mir eigentlich schon vorher klar, aber es ist gut. Immer mal wieder daran erinnert zu werden.

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Ich musste beim Lesen an Am Ende bleiben die Zedern denken und an Taqwacore, an Blauschmuck und an türkische Freunde, die mir damals schon nahe gebracht haben, wie es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben. Ich habe viel über Teheran und den Iran gelernt, aber auch viel gelesen, was mir nicht neu war. Es trotzdem immer wieder auf verschiedene Arten vermittelt zu bekommen, ist gut. Hier liegt auch die Stärke von Shida Bazyar, die übrigens auch in Hildesheim studiert hat, in jedem Abschnitt vermittelt sie auf andere Arten. Manchmal brauche ich, um von der Atmosphäre eingefangen zu werden, manchmal bin ich direkt drin. Als Geschichte im gesamten habe ich Nachts ist es leise in Teheran gern gelesen und freue mich auf Bazyars nächsten Roman. Achja, und: Extrem schönes und durchdachtes Cover. Nach der Lektüre des Romanes umso mehr.

Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar erschien bei Kiepenheuer & Witsch. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

 

Gedichte: Hold Your Own von Kate Tempest

Lesestoff: Hold Your Own von Kate Tempest. #amreading #katetempest #suhrkamp #nofilter #lyrik #bookstagram #books

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Die erste Strophe aus Hold Your Own:

Picture the scene:
A boy fifteen.
With the usual dreams
And the usual routine.

Lyrik und ich, wir werden echt selten warm. In meinem Sprechkunststudium bin ich immer wieder mit ihnen in Kontakt gekommen. Wenn es gefunkt hat, dann richtig. Aber das passiert eben nicht oft. Ich möchte Geschichten lesen und diese fehlen mir bei Lyrik oft. Ich habe Hold Your Own gelesen, weil ich von dem Roman von Kate Tempest sehr mochte. Ich weiß von ihren Songs, dass dort die Protagonisten des Romans wieder auftauchen. Ich hoffte, das sei auch hier der Fall. Ist es nicht, zumindest nicht direkt. Aber man liest aus ihren Gedichten das selbe Milieu heraus, die gleichen Probleme, die gleichen Themen.

Aber eben in Gedichten. Wenn ich die Geschichte in ihnen finde, funktioniert das für mich. In seltenen Fällen, wenn ich nur die Atmosphäre spüre. Es gibt Sätze, Passagen oder ganze Gedichte, die ich mag.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/153182242812/the-world-is-getting-stranger-every-day-youre

Aber größtenteils bin ich darauf zurückgeworfen, wenigstens den Flow zu spüren, den Rhythmus, der den Originalfassungen so stark inne wohnt, dass man nicht drumherum kommt, ihn zu spüren. Dies ist das Tolle an dieser Version: Man bekommt die Originalfassung neben der deutschen Übersetzung. Leider kommt diese überhaupt nicht an das Original ran. Ich ahne, wie schwer Lyrikübersetzungen sind. Diese reicht, um mal etwas nachzusehen, was man im englischen nicht versteht, aber sie ist in keiner Hinsicht ein Ersatz.

Ich werde mir wohl keine Gedichte mehr von Kate Tempest durchlesen, da warte ich lieber auf ihren nächsten Roman.

Hold Your Own von Kate Tempest wurde übersetzt von Johanna Wange und erschien bei suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Konzert: Jeremy Loops im LKA Longhorn in Stuttgart am 13.11.16

#jeremyloops #concert #stuttgart #lka

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Mein Lieblingsmensch war im Sommer auf dem Summers Tale Festival und kommt mit viel neuer Musik nach Hause, unter anderem Jeremy Loops. Der Mann aus Südafrika ist nicht nur mit Band, sondern auch mit Loop Station auf der Bühne und er macht extrem gute Laune.

Vor kurzem sagt sie dann, Loops kommt nach Stuttgart. Wir also hin, zum LKA Longhorn, ein Konzertschuppen in Stuttgart-Wangen, zwischen Bundesstraße und Industriegebiet. Wir kommen dort an, eine Minute, bevor der Einlass offiziell losgeht und schon dann müssen wir uns in eine vielleicht 40 Meter lange Schlange stellen. Bis der Einlass dann wirklich losgeht, ist die Schlange geschätzte 200 Meter lang und verschwindet hinter der Kurve. Dann geht ein Ruck durch die Menge und wir gehen rein.

Die Stimmung ist gut und locker, Support Act Mat McHugh trägt seinen Teil dazu bei und dann geht es los. Jeremy Loops und die Band rocken für rund zwei Stunden das LKA Longhorn. Die Musik auf Platte zu hören, war schon geil, aber live strahlt die Band eine krasse Energie aus, baut eine Verbindung zum Publikum auf, Jeremy erzählt Geschichten und es macht so viel Spaß, dort zu sein. Alle tanzen und sind gut drauf und singen mit und als es vorbei ist, bleibt die Stimmung.

Am Tag drauf ist die Stimme rau, aber sobald hier Jeremy Loops läuft, tanzen wir durch die Wohnung. Großer Tipp also: Hört euch Jeremy Loops an. Die Deutschlandtour ist vorbei, aber wenn ihr mal die Chance habt, versucht, ihn live zu sehen.

 

 

Hörbuch: Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker, gelesen von Uve Teschner

Der erste Absatz aus Am Ende aller Zeiten:

Glaube ist etwas Seltsames. Eine Gewissheit, wo es nichts als Ungewissheit gibt. Ich zum Beispiel, ich glaube, dass unter dem Feld neben dem Haus, in dem ich lebe, Gräber liegen.

Los geht es mit dem Einschlag unzähliger Meteroiten. Und dann ist alles anders. Dann geht es um das Überleben von Ed, seiner Frau und ihren beiden Kindern. Geht los wie ein Post-Apokalypseroman und behält dieses Thema natürlich auch bei. Walker beschreibt erfüllt natürlich auch einige Klischees des Genres: Nahtoderfahrungen, zerstörte Infrastrukturen, die zerbröckelnde Moral nach dem Zusammenbruch der Zivilisation und natürlich die großen Frage, ob die Familie überlebt.

Dann aber wird Ed von seiner Familie getrennt und wenn er sie wiedersehen will, muss er in kurzer Zeit 500 Meilen durch Großbritannien zurücklegen, damit seine Familie nicht ohne ihn nach Neuseeland evakuiert wird. Und weil das Land zerstört ist, muss das zu Fuß passieren.

Klar, der große Antrieb ist, ob Ed es schafft. Aber Walker nutzt die hunderten Meilen, um sehr eindrücklich den Zerfall der Familie zu beschreiben, der schon viel früher eingesetzt hat und schafft damit die Identifikationsfläche, den Teil, den wir von uns kennen. Die Probleme, die Ed hat, die kennen wir alle. Damit aber nicht wir erst erkennen, was wir ändern sollten, macht das Ed für uns. Quält sich mit vier weiteren Menschen durch ein zerstörtes Land voller Gefahren und viel Zeit, sich über das Leben klar zu werden. Der sprichwörtliche Lauf um das Leben.

Das macht aus Am Ende aller Zeiten eben mehr als den spannenden Standardroman über die Frage, ob die Hauptpersonen am Ende noch leben. Es macht ihn zu einem Roman über die Liebe, das Leben und eben auch einen Roman über das Laufen. Ich war nicht nur gespannt, ich war berührt und ich habe nachgedacht.

Verstärkt wurde all das noch durch die grandiose Leistung von Uve Teschner. Dies ist mein erstes Hörbuch von ihm, ich bin grandios begeistert. Teschner schafft es, mich über 12 Stunden zu fesseln, mich nicht vom Inhalt abzulenken, sondern ihn passend zu verstärken. Wirklich groß.

Der Originaltitel legt den Fokus noch mehr auf das Laufen, dort heißt das Buch „The End of the World Running Club“ und wurde von Walker erstmal als Selbstverlag herausgebracht, wie damals auch Der Marsianer. Dann wurde Penguin darauf aufmerksam, in Deutschland wurde der Roman von Fischer Tor herausgebracht, als erstes Buch dieses neuen Verlags für Fantasy und Science Fiction. In Amerika ist TOR der Verlag für diese Genres, mit einer großen Fanbase und einer sehr aktiven Community. Ich finde dies einen gelungenen Auftakt für eine deutsche Version und hoffe, noch bei bei Fischer Tor, mehr von Adrian j. Walker lesen und mehr von Uve Teschner hören zu dürfen.

Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker wurde übersetzt von Gesine Schröder und Nadine Püschel und erschien bei Fischer Tor. Das Hörbuch wurde gesprochen von Uve Teschner und erschien beim Argon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

„Die Vielleicht-Ära. Unverbindlichkeit im Alltag.“ Mein TEDx Talk ist online.

Rund zwei Monate nach dem Event ist mein Talk nun online. Hier der Bericht und das German Direktheit Bullshit Bingo. Danke an alle, die das möglich gemacht haben. Viel Spaß!

 

Die Frankfurter Buchmesse 2016, ein Rückblick in Blitzlichtern

So, Buchmesse. Du und ich, für den Rest der Woche. Yeai. #fbm16

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In Leipzig war ich in den letzten Jahren regelmäßig und dann auch die ganze Zeit. Es ist ein großer Unterschied, ob man mal für einen Tag über die Messe schlendert oder ob man dort vier oder fünf Tage verbringt. Über Leipzig schrieb ich:

Das ist wie wenn man eben nicht nur ein Wochenende in einer neuen Stadt verbringt, sondern gleich einen Monat. Dann klappert man erst die Touri-Hotspots ab und gegen Ende lernt man dann die eigenen Lieblingsplätze kennen. Buchmesse funktioniert ebenso.

So war es in Frankfurt dann auch. Obwohl ich anfangs auch Unterschiede festgestellt habe. Während Leipzig voll auf die Leser eingestellt ist, ist Frankfurt eben auch eine Fachbesuchermesse. Das heißt, am ersten Tag habe ich zwar schon viele Bekannte und Freunde getroffen, aber alle waren im Stress und zwischen Terminen. Dann aber bin ich mit Christian Wöhrl durch die Gänge gestreift und das war sehr schön, weil wir uns nun eine ganze Weile und eng kennen, wir aber doch ganz andere Sachen im Fokus haben. Also sehen wir jeweils, was dem anderen sonst nicht aufgefallen wäre.

Als wir uns für diesen Tag verabschieden, ist es Nachmittag und die wichtigsten Termine scheinen abgefrühstückt. Alles wird ein wenig langsamer und tatsächlich schaffe ich es, mich mit verschiedenen Menschen zu unterhalten, weil die Pausen zwischen den Terminen länger geworden sind.

Abends geht es zu meiner Gastgeberin, eine Freundin einer Freundin. Ich liebe dieses Internet, diese Möglichkeit, zu sagen, hej ich komme nach Frankfurt und brauche einen Schlafplatz und jemand sagt, klar, komm vorbei! So komme ich also zu Melike und wir essen und schnacken und haben Spaß und lernen uns kennen. Deshalb bin ich ja unterwegs, um neue Menschen, neue Dinge kennenzulernen.

Tag 2 #fbm16 #randomfilter

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Tag 2 geht los mit dem Interview mit Señor Rolando. Die Uhr in Melikes Küche ist grotesk zu spät, sodass ich nicht ganz so entspannt zum Interview komme, wie ich es gern gehabt hätte. s

Tag zwei ist der Tag mit den meisten festen Terminen. Ein Mentoratstreffen für mein Studium in Hildesheim, ein weiteres Treffen und einige Freunde, mit denen ich über die Messe flaniere. Jeden interessiert etwas anderes, was bedeutet, dass ich ganz schön viel unterschiedliches zu sehen bekomme.

https://www.instagram.com/p/BLybEwrAgo0/

Thees Uhlmann beispielsweise, der jedes Mal ein Fest ist. Ich ahne aber, dass das Hörbuch von Springsteens Autobiograsphie zu viel des Uhlmann-Stil abbekommen hat. Schon in dieser Stunde der Lesung habe ich eher Thees als Bruce vor Augen. Vielleicht legt sich dieses Gefühl aber, wenn man das gesamte Hörbuch hört, das kann ich gerade nicht beurteilen.

Tag drei ist Freitag und beginnt mit meiner Diskussionsrunde auf der Selfpublisherbühne über Piraterie und DRM. Andreas Kaspar von CounterFights ist mein Gesprächspartner auf der Bühne und in dieser halben Stunde ist zwar klar, dass wir aus zwei unterschiedlichen Lagern kommen, aber meinungstechnisch überhaupt nicht so weit auseinander sind. Das ist ein schönes Gefühl und eine angenehme Erfahrung. Danach verlief ich den Tag auf der Messe. Traf dies und den und weiß vieles nicht mehr, es geht irgendwann alles im gleichen guten Grundgefühl unter.

Abends dann geht es nach Gelnhausen, zu meinem Seminar „Social Media für Autorinnen und Autoren“ für den BVjA.

Anderthalb Tage über Social Media, Twitter, Facebook, Hashtags, ifttt und Instagram reden, vieles oft erklären und von Computer zu Computer gehen.

Buchmesse Tag 5: Wesen aus allen Welten. Viele davon. #fbm16

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Sonntag Nachmittag komme ich wieder auf der Messe an, abgekämpft und müde, froh, demnächst in meinem Bett zu sein. Ich verbringe Zeit bei den Leuten vom Argon Verlag, die ich seit unserer Little Brother Lesung 2010 regelmäßig auf den Messen aufsuche. Irgendwann wird es Zeit, zu gehen. Ich hole meine Sachen, flaniere durch die Gänge, die schon langsam von Abbaugefühl beherrscht werden, dann schließt die Messe und alle klatschen. Ich gehe langsam Richtung Ausgang, Richtung Zug und in mein Bett. Viele neue Eindrücke, manche Bande gestärkt, manche neu geknüpft, viel erlebt und ich freue mich auf die nächste Messe.

Danke, der Messe, den Leuten, die ich getroffen habe und sowieso. Lächeln und Liebe, Fabian.

Was übrig bleibt: „The World is getting stranger every day; you’re not strange for noticing.“

“The World is getting stranger every day; you’re not strange for noticing.”

These things I know – Kate Tempest
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Ich im Büchergefahr-Podcast über #incommunicado, Remixes und das Schreiben

Señor Rolando hat sich auf der Frankfurter Buchmesse für eine halbe Stunde mit mir zusammengesetzt und wir haben über #incommunicado und Remixes, über meine Romane und das Schreiben geredet. Während mein Bericht über die Buchmesse noch auf sich warten lässt, hat Rolando schon fertig geschnitten und den Podcast hochgeladen. Man hört im Hintergund die Messe, ich höre mir auch die Müdigkeit an, aber sonst gibt es feine Fragen und ein schönes Gespräch. Viel Spaß dabei!

 

Lesung: Cynthia D’Aprix Sweeney am 10.11. im Literaturhaus Stuttgart

Bevor ich die 20 Minuten runter zum Literaturhaus laufe, laufe ich die zehn Minuten runter zu Klett-Cotta, so nah ist der Verlag für mich. Dort fand die Revue statt:

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Verlages und der Klett-Gruppe stellten Bücher von Klett-Cotta und Tropen vor. Und zwar vor allen aus der Klett-Gruppe, die sich das gerne ansehen und einigen geladenen Gästen. Star des Abends war Cynthia d’Aprix Sweeney, die über »Das Nest« sprach und daraus las.

Im gut gefüllten Saal gibt es also drei Tipps aus dem neuen Herbstprogramm, nicht vorgestellt von den Verkäufern sondern von Lesern, die eben zufällig auch im Verlag arbeiten. Vorgestellt von Menschen, denen das jeweilige Buch tatsächlich gefällt. Und es ist schön, jemandem zuzuhören, der Begeistert ist, sei es von Geheimnis in Weiß, dem Krimi aus den 1930ern, der jetzt zum ersten Mal auf Deutsch erscheint, oder von Verlangen, einem flämischen Roman über ein Dorf und eine Familie, welche sich plötzlich im ersten Weltkrieg wiederfinden. Und selbst das dritte Buch, Die Blumen der Mode, wird so interessant beschrieben, dass ich es zwar immer noch nicht kaufen würde, aber zumindest darin blättere. Das haben der Titel und das Cover nicht geschafft.

Los geht es aber mit Cynthia D’Aprix Sweeney, Debütantin und Weltbestsellerin, für etwa eine halbe Stunde erzählt sie von ihrem Roman Das Nest, der es in diesem Jahr in mehrere Länder und hunderttausende Hände geschafft hat und nun eben auch auf Deutsch erscheint. Die Agentur Anzinger, Wünscher, Rasp hat einen großartigen Umschlag für die deutsche Ausgabe entworfen, dieser prangt über Sweeney, die mit ihrem trockenem Humor von der Entstehung erzählt und ein wenig daraus vorliest. Dann geht sie und macht Lust auf mehr. Ein Glück werde ich zwei Stunden später auf ihrer Lesung sein.

Zwei Stunden später, im Literaturhaus stehen vielleicht ein Dutzend Tische vor der Eckbühne, auf der Bühne begrüßt Stefanie Stegmann Sweeney, Johann von Bülow, der nicht nur bei den Lesungen dabei ist, sondern auch das Hörbuch gesprochen hat, und Moderatorin Petra Mostbacher-Dix, dann übernimmt Frau Mostbacher-Dix. Sie kann nicht nur fließend zwischen Deutsch und Englisch wechseln, sie kennt und mag den Roman offensichtlich, zusätzlich kennt sie sich auch gut in New York und den dortigen Gesellschaften aus und diese spielen in Das Nest eine große Rolle. So werden wir durch den Abend unterhalten, bekommen Antworten, Informationen, Ausschnitte auf Englisch und auf Deutsch. Sweeney ist witzig und reagiert wunderbar, Johann von Bülow lässt sich in die Szenen fallen und es macht extrem viel Spaß, ihm zuzuhören. Doch bei all ihren Fähigkeiten und guten Fragen schafft Frau Mostbacher-Dix es nicht immer, ein Gemeinschaftsgefühl auf der Bühne aufzubauen. Streckenweise sieht Bülow so aus, als ob er aus Versehen auf die Bühne gestellt wurde, andersherum fühlt sich auch Sweeney bei den deutschen Passagen an, wie fehl am Platz. Ich hätte mir ein stärkeres Miteinbeziehen aller Personen gewünscht. Von Bülow begleitet Sweeney nun schon eine Weile, er kennt das Buch extrem gut, ich hätte es spannend gefunden, wie er auf manche Fragen reagiert. Andersherum würde ich auch gern wissen, was Sweeny über von Bülow zu sagen hat.

Generell hätte ich gern Fragen gestellt, aber nach exakt 90 Minuten sind wir durch und wir Applaudieren, Fragen können keine gestellt werden. Ich weiß nicht, ob so etwas vertraglich irgendwo festgelegt wurde und wer das entschieden hat, aber ich dachte, schade, genau das hätte vor jedem anderem Publikum auch passieren können, wir in Stuttgart haben nichts einzigartiges erlebt.

Stattdessen frage ich Sweeney, während sie mein Buch signiert.

Wir reden über die Verfilmung, die kommen wird, Amazon hat sich die Rechte gesichert, Transparent-Produzentin Jill Soloway ist mit dabei und Sweeney selbst schreibt das Drehbuch. Wir reden darüber, wieviel für diesen Film gestrichen werden muss, wie es ist nochmal mehr Zeit mit seinen Figuren zu verbringen, wie es ist, zum ersten Mal ein Drehbuch zu schreiben.

Danach, im Restaurant, sitze ich Johann von Bülow gegenüber und wir reden über das Sprechen, die Kunst ein Hörbuch einzulesen, über Soziolekte und ich habe das Gefühl, ähnlich wie bei Dietmar Wunder vor zwei Jahren, dass er es zu schätzen weiß, dass es nicht nur um den Autoren und den Roman geht.

Irgendwann löst sich die Gruppe auf, ich bedanke mich bei allen für einen schönen Abend, setzte meine Kopfhörer auf und lasse mir auf dem Heimweg von Johann von Bülow den Roman erzählen.

Buch: Stories of Your Life and others von Ted Chiang

Geiles Cover, geile Geschichten: Ted Chiang mit Stories of your Life and others.

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Der erste Satz aus Story of your Life:

Your father is about to ask me the question.

Vor drei Monaten habe ich diesen Teaser für Arrival gesehen.

Die Geschichte einer Linguistin, die beauftragt wird, eine Aliensprache zu übersetzen. Mehr musste ich von diesem Film nicht wissen, um sehr interessiert zu sein. Also suchte ich, ob es vielleicht ein Buch dazu gibt. Siehe da, gibt es, quasi. Der Film basiert nämlich nicht auf einem kompletten Roman, sondern auf einer Kurzgeschichte, was meistens ja viel besser ist, weil der Film dann überhaupt die Chance hat, die Geschichte in rund zwei Stunden zu erzählen.

Story of your life, Geschichte deines Lebens, so heißt die Geschichte, auf welcher der Titelfilm basiert. Ted Chiang ist der Autor. Ich hatte zuvor noch nie was von ihm gehört oder gelesen, aber nach drei Stunden hatte ich die Geschichte durch und war BÄM! Vorweg genommen: Neben Blauschmuck ist das für mich die Geschichte des Jahres. Science-Fiction, wie Science Fiction sein sollte: Nah an unserer Realität, philosophisch und immer unser eigenes Leben in Frage stellend. Hier natürlich verstärkt, weil ich gerne mit Sprache und ihrer Wirkung umgehe. Zu hören ist meine Begeisterung auch im Podcast des Literaturcafé, da habe ich über die Geschichte und das Buch geredet, noch bevor ich die Sammlung durchhatte.

Mittlerweile bin ich durch und immer noch begeistert. Chiang baut mit jeder Geschichte eine neue Welt, eine neue Prämisse, viele in einer möglichen Zukunft, manche in einer alternativen Gegenwart oder Vergangenheit. So gibt es  eine wunderbare Geschichte über den Turmbau zu Babel und was passiert, als die Menschheit am Himmelsgewölbe ankommt. Oder eine andere, in der regelmäßig Engel auf der Erde erscheinen und man den Seelen zusehen kann, wie sie entweder in den Himmel oder in die Hölle fahren.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/152943728137/for-the-first-time-he-knew-night-for-what-it-was

Wunderbare Geschichten, über die man sich ewig unterhalten kann und ewig drüber nachdenken kann. Wer die Serie Black Mirror mag, bekommt hier ähnliches in Buchform. Im Podcast sagte ich noch, dass zumindest die Titelgeschichte gut auf englisch lesbar ist, es gibt aber auch Geschichten, an denen ich mit meinem Englisch an Grenzen komme, weil der Inhalt so abgefahren ist, dass es ganz gut ist, wenn man wirklich alles richtig versteht.

Witzigerweise hat Golkonda, der deutsche Verlag, diese Sammlung nicht einfach übernommen, sondern alle bis 2014 erschienenen Geschichten von Ted Chiang in zwei Erzählbände aufgeteilt, in Hölle ist die Abwesenheit Gottes (hier ist auch Story of your life enthalten) und Das wahre Wesen der Dinge. Wer englisch kann, kann den Großteil von Chiangs Geschichten kostenlos und legal online lesen, entweder auf seiner Wikipediaseite zu finden, oder hier.

Stories of Your Life and others von Ted Chiang erschien bei Picador, die deutschen Sammlungen Hölle ist die Abwesenheit Gottes (Übersetzt von molosovsky)  und Das wahre Wesen der Dinge (Übersetzt von Karin Will) erschienen bei Golkonda. Arrival, die Verfilmung der Titelgeschichte kommt am 24. November in die deutschen Kinos.

Was übrig bleibt: „For the first time, he knew night for what it was; the shadow of the earth itself, cast against the…“

“For the first time, he knew night for what it was; the shadow of the earth itself, cast against the sky.”

Tower of Babylon – Ted Chiang

Originalpost auf „was übrig bleibt“

„was übrig bleibt“ ist eine Sammlung, sind unterstrichene Sätze, gefundene Worte & liegengebliebene Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Film: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, ab heute im Kino

Die letzten Buchverfilmungen, die ich gesehen habe, waren eher enttäuschend, zum Teil auch deshalb, weil sie im Vergleich zur Vorlage abgefallen sind. Als ich die Einladung zu Eine Geschichte von Liebe und Finsternis bekam, dachte ich, diesmal liest du das Buch nicht vorher.

Ich muss leider gestehen, dass mir Amos Oz zwar etwas sagt, ich aber bisher nichts von ihm gelesen habe. Dann saß ich in der Vorführung und lese im Presseheft das Interview mit Natalie Portman, sie spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern schrieb auch das Drehbuch und führte Regie. Die letzten beiden Dinge zum ersten Mal. Ich hatte die Befürchtung, dass sowas auch in die Hose gehen könnte. Aber dann wird es dunkel im Saal und der Film geht los.

Als es wieder hell wird, bin ich berührt und überrascht und interessiert. Im Gegensatz zu Nebel im August schafft der Film durch seine grobkörnige, kontrastreiche Ästhetik tatsächlich ein Gefühl von Vergangenheit. Im Gegensatz zu Tschick und Mängelexemplar kann ich hier mit dem Erzähler sehr gut umgehen, hier erinnert sich ein alter Mann an seine Kindheit. Die Übergänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit sind extrem gut umgesetzt, ebenso die Ahnung des jungen Amos. Er kann nicht ganz greifen, was mit seiner Mutter, was mit seinen Eltern und was mit der Welt gerade passiert, aber er versteht, dass etwas großes im Gange ist.

Ich mochte den Film in seiner Ästhetik, in seiner Erzählart. Ich bin mir sicher, dass der Roman noch viel mehr kann. Aber der Film hat einen sehr positiven Grundstein gelegt, sodass ich irgendwann den Roman sehr gerne lesen werde.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz wurde verfilmt von Natalie Portman und läuft seit 3. November im Kino.