Schuhe: Mahabis.

tl;dr: Geile Idee, schlecht umgesetzt, beschissen verarbeitet. Für das Geld lieber was anderes kaufen.

Das Problem, wenn man einmal auf eine Werbeanzeige bei Facebook klickt: Man bekommt das Produkt immer und immer wieder angezeigt. So ging’s mir mit den Mahabis. Ich war sowieso auf der Suche nach Hausschuhen und mochte den Style der Mahabis, wie auch die Produktion in Portugal und diese beiden einzigartigen Funktionen:

Einerseits haben die Schuhe hinten diese Lasche aus Neopren, die es erlaubt, sowohl in die Schuhe reinzurutschen und rumzulaufen, als auch die Lasche umzuklappen, sodass sie fester am Fuß sitzen. Andererseits kann man austauschbare Sohlen anklicken und somit aus den Hausschuhen Schuhe für draußen machen.

Nachdem mir die Anzeige also oft genug angezeigt wurde, habe ich sie mir gekauft. Die Classic, weil ich ja Hausschuhe will. Sie kommen in einer schönen Box, insgesamt wird sehr viel wert auf Design gelegt. Erstmal fühlt sich alles hochwertig an. Die Schuhe sind warm und bequem und ich habe sie gern an den Füßen. Leider endet damit alles, was ich positives sagen kann.

Natürlich probiere ich direkt die Extrasohle aus, bei mir in Türkis. Kann man sich bei der Bestellung aussuchen. Leider passen sie nicht so, wie sie sollen, sehen nicht so gut aus, wie auf den Bildern und vor allem: Sie sind unbequem. All die Bequemlichkeit, die die Schuhe ohne die Sohlen haben, ist weg. Man kann nicht lange in den Sohlen laufen ohne Schmerzen und das Gefühl zu haben, dass sie gleich vom Schuh fliegen.

Die Lasche hinten ist zwar ziemlich cool, weil sie genau das tut, was sie soll. Aber das Neopren fühlt sich komisch an und ist qualitativ scheiße. Und es sieht auch irgendwie rangepappt aus. Selbst der Schuster fragte mich danach.

Zum Schuster musste ich etwa sechs Wochen, nachdem ich die erste Lieferung bekommen habe. Weil am sich am zweiten Tag die Gummisohle des ersten Schuhs löst. Die, die sich nicht lösen sollte. Ich schreibe eine Mail an Mahabis, der ziemlich schnell reagiert und mir sagt, dass das eine schlechte Lieferung war. Na klar. Aber zumindest bekomme ich ein zweites Paar geschickt. Ich ärgere und freue mich und warte wieder knapp eine Woche, bis dieses Paar da ist. Schwarze Sohlen diesmal, die aber genauso unpassend und unbequem sind, wie die anderen. Dieses Paar hält etwa eine Woche, dann löst sich auch an diesen Schuhen die Sohle.

Ich also wieder eine Mail an Mahabis, die erst ein paar Tage nicht reagieren und mir dann schreiben, dass es ihnen wirklich leid tut und sie schicken mir als Wiedergutmachung ein paar aus der Sommer Edition. Ich antworte, dass ich mich ja freue, aber das auch Dauer keine Lösung ist, jede Woche ein neues Paar zugeschickt zu bekommen, dass ich dann sowieso nicht tragen kann, weil es gleich kaputt geht. Und ich die Sommer Edition gar nicht will, ich habe ja die anderen bestellt.

Daraufhin kommt eine patzige Antwort, (paraphrasiert:) dass die Sommer Edition (zumindest zum damaligen Preis) ja ein Upgrade ist und ich mich gefälligst freuen soll. Die Schuhe kommen irgendwann an und halten nur ein wenig länger, als die Classic. Nachdem ich mich wieder bei Mahabis melde, kommt keine Antwort mehr. Und ich bin damit nicht alleine. Einer Bekannten ging es auch so, Sohle ab und neue bekommen. Sie ist ansonsten vollkommen zufrieden, ich kann das nicht sagen.

Ich bin zum Schuster, der mir die Sohlen angeklebt hat. Diese halten seit knapp 9 Monaten. Ich trage sie jeden Tag. Die anklickbaren Sohlen nutze ich nie. Wie gesagt, ich mag das Design und die Ideen, die Umsetzung ist aber schlecht und die Verarbeitung richtig scheiße, wie auch die Kommunikation mit Kunden. Wenn man sie mag und weiß, worauf man sich einlässt, ist das okay. Empfehlen kann ich sie aber nicht. Wenn es jemand probieren will, empfehle ich, diese bei Amazon zu kaufen, da hat man auf jeden Fall weniger Stress mit der Rückgabe.

Transparenzbericht: Ich habe einen Presserabatt von 15% bekommen. Jeder, der sich für den Newsletter anmeldet, bekommt 10% Rabatt. Und ich hatte mit der Pressestelle Kontakt, was die Korrespondenz und die Reaktionen der Firma beeinfluss haben könnte. Aber dann will ich da nicht als ’normaler Kunde‘ kaufen.

 

Geschichten aus der Nachbarschaft: Die Reste der Modelleisenbahn

Mein Nachbar findet beim Entrümpeln Teile seiner Modelleisenbahn, die er schon vor Jahren verkauft hat. Eine ganze Kiste voll. Also stellt er sie als Kleinanzeige online, die Leute sollen ihm bieten, was sie dafür geben wollen.

Jemand meldet sich und sagt, für 15 Euro nimmt er die ganze Kiste. Mein Nachbar antwortet, für 15 Euro lohnt es sich gar nicht, dann kann er das Zeug auch einfach wegschmeißen. Der Andere sagt daraufhin, dass er gerne mehr anbieten möchte, aber leider nicht kann. Schreibt immer in knappen Sätzen, nicht mehr als notwendig. Mein Nachbar vermutet einen Händler, der das Zeug danach teuer verkaufen will und sagt, dass er dann leider nichts tun kann und es dann lieber nicht hergibt.

Der andere druckst eine Weile herum und rückt dann heraus: Er ist erst 12 und leider hat er nicht mehr Taschengeld zusammengespart, deshalb kann er nicht mehr zahlen. Einen Tag später kommt er mit seinem Vater und nimmt die ganze Kiste mit, natürlich geschenkt.

Nächstes Mal den Leuten einfach direkt sagen, dass du 12 bist und nicht mehr Taschengeld hast. Viele erinnern sich noch gut daran, wie es war, 12 zu sein.

Eine Woche im Hospiz arbeiten, ein Bericht.

Ich schreibe an diesem Roman – Die Träume der Anderen –  und ein signifikanter Teil spielt in einem stationärem Hospiz. Meine Hospizerfahrung beschränkte sich bis vor kurzem auf das Wissen über ihre Existenz. Da werden kranke Menschen beim Sterben begleitet. Das reicht aber nicht, um darüber zu schreiben. Also habe ich mir ein paar Artikel und die ein und andere Wiki-Seite durchgelesen, habe mir Dokumentationen angesehen und mit Leuten geredet, die im Hospiz arbeiten. Und das war ein eklatanter Unterschied.

Während die Erzählungen sehr warm und wohlwollend, sehr menschlich und nah waren, hatte jede Dokumentation einen beklemmenden, distanzierten und betroffenen Beigeschmack. Jede Dokumentation beinhaltet den Satz ‚man darf dort auch lachen‘ und jedes Mal fühlt es sich gesagt, aber nicht gemeint an. Also es selbst erleben, ein paar Tage mitlaufen und alle Fragen stellen.

Ich war mir nicht sicher, wie ein Hospiz auf so eine Anfrage reagieren würde und hätte es verstanden, wenn ich aus Gründen des Respekts und der Pietät nicht hätte kommen dürfen. Also schrieb ich eine lange Nachricht, in der ich sagte, dass es mir um die akkurates und warmes Bild eines Alltags im Hospiz ging. Dass ich über den Weg des Romanes die Relevanz, die Arbeitsweise und die Wichtigkeit von Hospizen aufzeigen und Menschen nahebringen wollte. 

Der Nachricht folgte ein Telefonat und dann war klar, dass ich eine Woche mitarbeiten würde. Wenn ich schon da war, dann nicht nur als Zuschauer, sondern als Praktikant, der auch Aufgaben übernimmt. Und auch nur als Ausnahme für lediglich eine Woche, normalerweise geht nichts unter vier Wochen. Vor dieser Woche sollte ich zuerst einmal vorbeikommen, mir alles ansehen und dann entscheiden, ob ich die Woche machen wollte.

Kurz vor dem ersten Besuch hatte ich extremen Respekt und Zweifel, ob ich wirklich eine Woche lang dort zubringen würde. Dort zubringen könnte. Ich kann kein Blut sehen, bin viel zu emphatisch und fantasievoll, was Schmerzen angeht. Beschreibt mir jemand seine, spüre ich sie selbst. Ich muss auch bei Büchern, Filmen und Serien manchmal pausieren, wenn es mir zu explizit wird. Wollte ich wirklich eine Woche lang Menschen beim Sterben begleiten?

Ich komme im Hospiz an und sehe die brennende Kerze, das Signal, dass kürzlich jemand verstorben ist. Dann muss ich warten, weil die Pflegerin, die mich herumführen sollte, noch bei der Trauerfeier ist. Das fängt an, wie befürchtet.

Ich warte also, den Kopf gesenkt, die Hände im Schoß und betrachtete die Kerze und den Namen der Verstorbenen in einem Buch, welches davor lag. Kinderhände hatten bunte Schmetterlinge darüber gemalt und einen steinernen Engel dazugelegt.

Und dann kommt die Pflegerin, die mich begrüßt hat, fragt mich nach meinen Computerkenntnissen und ob ich helfen könne. Kurz darauf stehe ich im Zimmer eines Gastes – es gibt im Hospiz keine Patienten, es gibt nur Gäste – und half, den Bundesliga-Livestream zu aktivieren.

Danach esse ich Kuchen und lache über einen makaberen Witz, beobachte, wie ein Gast dick eingepackt mit seinem Rollstuhl nach draußen rollt, um eine Rauchen zu gehen. Um seinen Hals hängt die Schmerzmittelpumpe, die ihm beständig ein Morphin eingibt. Und wenn er doch noch Schmerzen hat, kann er sich einen Bolus geben.

Ich werde durch das Gebäude geführt und erfahre in diesen ersten Stunden schon so viel über das Leben und Arbeiten im Hospiz. Als ich nach Hause gehe, weiß ich, dass ich für diese Woche wiederkommen werde. Weil, natürlich sterben dort Menschen und es ist ein sehr sehr trauriger Ort. Aber eben nicht nur. Insgesamt fühlt es sich nach ein paar Stunden eher nach einem Ferienlager an. Für kranke Menschen zwar, die nie wieder nach Hause gehen, aber dennoch ein schöner Ort, in dem viel erlaubt ist.

Also arbeite ich eine Woche mit, gebe Essen ein, pflege und sitze stundenlang bei Menschen. Halte ihre Hand und rede mit ihnen. Ich war mir ziemlich unsicher, wie die Menschen dort auf mich reagieren würden, ob sie offen mit mir reden würden. Tatsächlich wurde ich extrem herzlich empfangen und jeder erzählte mir freigiebig. Von den PflegerInnen über die Gäste, bis hin zur Pfarrerin und der Ärztin, ich konnte alle Fragen stellen, die ich stellen wollte und erfuhr darüber hinaus noch viel mehr.

In meiner Zeit dort sterben zwei Menschen und fast jedes Schicksal dort macht mir klar, dass das Leben keine Geschichte ist, die zwangsläufig gut endet. Viel zu oft, können Menschen sich nicht von jenen verabschieden, von denen sie sich unbedingt verabschieden wollen. Schaffen es nicht nochmal, diesen Urlaub zu machen oder sich mit jenem Menschen zusammenzusetzen, um Dinge zu klären, die jahrzehntelang nicht geklärt wurden.

Diese Wahrheit – „Tue Dinge, die du tun willst, bevor es zu spät ist“ wird uns regelmäßig, in allen möglichen Filmen, Serien, Büchern, Liedern und Anekdoten eingetrichtert, sie ist so banal, wie kompliziert. Sie ist nichts neues. Sie aber auf diese Art zu erleben, ist viel eindrücklicher, als alles bisherige.

Ich mache alles mit. Katheter setzen, blutige Verbände wechseln, Abschiedsfeiern beiwohnen. Alles mit einer absurden Distanz, auf der ich meine Seele halte, um diese Dinge erleben zu können, sie aufnehmen zu können. Sobald ich nach Hause komme, erzähle ich meiner Freundin davon, lasse alles an mich heran und heule mich in den Schlaf. Um am nächsten Tag wieder dort zu sein.

Für mich am Eindrücklichsten, am Emotionalsten ist die Verbundenheit zweier Menschen. Eines Paares, das mehr als vierzig Jahre lang zusammen war und ein Mensch nun seinen Partner im Arm hat, während er wimmernd, verwirrt und traumatisiert im Bett liegt und so würdevoll wie möglich von uns intim gepflegt wird. Unten wir, mit Gummihandschuhen und Waschlappen und Inkontinenzhosen. Oben sie, mit Küsschen und Kosenamen und intimer Nähe. Skurriler konnte es nicht sein. Niemals habe ich bedingungsloser Liebe erlebt. Die Erinnerung daran drückt mir jedes Mal Tränen in die Augen.

Nach einer Woche bin ich fertig. Ich umarme das Personal und weiß, in irgendeiner Form werde ich wieder kommen. Ich bin sehr froh, diese Woche dort verbracht zu haben, an diesem herzlichen, warmen Ort, in dem extrem viel Dankbarkeit und Menschlichkeit vorhanden ist.

Aber ich bin auch froh, dass es vorbei ist, weil dort extreme Emotionen in jede Richtung zum Vorschein kommen. Ich kann mich nicht emphatisch und menschlich um jemanden kümmern, ohne ihn auch an mich heranzulassen. Es ist ein destilliertes, in kürzester Zeit jemanden kennen und mögen lernen, um ihn dann zu verlieren. Nun ist meine Zeit dort ein paar Tage her und ich knabbere immer noch an dem, was ich erlebt habe. Meine Hochachtung jedem, der diese Arbeit macht.

Jeder sollte ein Hospiz zumindest mal für ein paar Stunden besuchen. Es kalibriert das Leben. Setzt Prioritäten anders. Ich freue mich mehr und ärgere mich weniger. Ich verbringe Zeit mit Menschen bewusster und ich sage, was ich sagen will, auch wenn ich mich dabei manchmal dumm fühle. Dafür bin ich dankbar. Ich hoffe, das hält eine Weile an.

Lesung: Patricia Hempel bei der zwischen/miete in Stuttgart am 23.11.17

Die zwischen/miete ist ein Projekt des Stuttgarter Literaturhauses, dabei laden Stuttgarter Wohnungen und Wohngemeinschaften ein, um in ihren Räumen junge AutorInnen lesen zu lassen. Dabei gehts tatsächlich nicht so sehr um die Autoren, als um das Happening. In irgendeiner fremden WG zusammenkommen, auf dem Boden sitzen, über das Interieur schnacken und Bier und Brezel genießen. Achja, und einer Lesung beiwohnen. Macht tatsächlich ziemlich Spaß, auch wenn man die AutorInnen und die Bücher vielleicht noch nicht kennt.

Diesmal ist es für mich ein wenig anders, Patricia Hempel hat mit mit „Literarisches Schreiben“ in Hildesheim studiert und ist die erste aus dem Jahrgang, die ihren Roman veröffentlicht. Metrofolklore, ein Roman über eine lesbische Archäologiestudentin, die versucht, an das schönste Mädchen der Universität ranzukommen. Rezension folgt.

Die Wohnung ist voll, als wir ankommen. In allen Zimmern sitzen Menschen auf den Boden, die Lesung wird vom Wohnzimmer aus in die anderen Räume gestreamt.

Patricia sitzt neben Tim Philippi, der durch den Abend moderiert, er langsam und geordnet, sie chaotisch und polternd, ein skurriles Paar. Die Fragen wurden im Vorfeld abgeklärt, was bedeutet, dass Patricia einige Antworten vorwegnimmt und die Gespräche zwischen den beiden absurde Situationen ergeben.

Patricia hat gut ausgesuchte Stellen und weiß, wie sie Reaktionen im Publikum weckt, und vor allem Neugierde, wie der Roman weitergeht.

Obwohl die Lesung einigermaßen kurz ausfällt, bin ich froh, als es der Fall ist.  Nicht der Lesung wegen, sondern weil es auf Dauer doch ziemlich unbequem ist, so gedrängt auf dem Boden zu sitzen. Auch, wenn er gepolstert ist. Aber der Abend ist nicht mit der Lesung vorbei, er wird zu einem netten Happening mit viel Unterhaltung, guten Gesprächen und Brezeln. Das sehr gerne wieder, nur dann mit besserem Platz. Und gerne wieder eine Lesung von Patricia Hempel. Auch diese mit besserem Platz.

Metrofolklore von Patricia Hempel erschien bei Klett-Cotta.

 

5 Jahre “Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen”

Neue Ladung von Debütromanexemplaren zum signieren ist angekommen. Will jemand? #amwriting #daslebenisteinerdbeben

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Heute vor fünf Jahren haben wir die Releaseparty meines ersten Romanes gefeiert. Immer noch eine sehr schöne Erinnerung. Immer noch ein Buch, das ich mag und immer wieder drüber rede und gerne signiert verschicke.

Seitdem ist viel passiert, mit mir und mit dem Buch, es gibt mittlerweile ein Hörbuch von Klaus Neubauer und natürlich die kostenlose PDF-Fassung. Ich bin gespannt, was in den kommenden fünf Jahren passiert. Vielleicht eine Hörbuchfassung, von mir gesprochen. Vielleicht eine Verlagsausgabe. Mal sehen.

Lesung: T.C. Boyle bei der LesArt in Esslingen am 22.11.17

Und nun: TC Boyle bei der #LesArt in #Esslingen. #amlistening #tcboyle

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

T.C: Boyle wird dieses Jahr 69 und ich habe ihn zwar schon im Februar in Stuttgart gesehen, aber wer weiß, wie lange er noch Lesungen machen wird? Also bin ich gestern nach Esslingen auf die LesART, einem eigentlich eher kleinerem Literaturfestival, welches durch glückliche Umstände dazukommt, Boyle zu Besuch zu haben. Zusammen mit knapp 1000 weiteren komme ich also ins Neckar Forum, einer riesigen bestuhlten Halle. Ich komme kurz vor Veranstaltungsbeginn und bin so frech, mir den letzten freien Platz in der dritten Reihe zu nehmen. Zwischen der Sanitäterin und dem einen, der aussieht, als ob er beschlossen hat, heute Abend keinen Spaß zu haben. Diese Leute finde ich auf jeder Veranstaltung.

Aber wir reden von T.C. Boyle, der tatsächlich auch diesen Mann zum lachen bringt. Boyle macht sein Ding. Vor vielen Jahren sagte er mal, dass Lesungen wie Konzerte sein müssen, sie müssen unterhalten und Spaß machen. Genau das macht er bei seinen Lesungen. Natürlich wieder in roten Chucks und schwarzem Anzug und geilen Antworten auf jede Frage unterhält er viel zu kurze 90 Minuten. Was mir besonders auffällt, er zwar wieder mit Die Terranauten da, aber er macht anderes Programm, liest eine andere Stelle, erzählt ein paar andere Geschichten, beispielsweise von seinem Kurzgeschichtenband The Relive Box, der gerade in den Staaten veröffentlicht wurde und von seinem Roman über Albert Hofmann und LSD, den er im Februar erwähnt und mittlerweile beendet hat. Also keine reine Wiederholung dessen, was ich schon kenne. Guter Mann. Krasser Kopf, der extrem fit ist und sehr viele Details zur Sprache bringt, was mich immer wieder überrascht. Und jedes Mal eine Freude ist, dabei zuzusehen. Kurz, Boyle war geil. Aber.

Die Lesung auf Deutsch übernimmt Lea Ruckpaul, Schauspielerin am Stuttgarter Staatstheater mit einer eindrücklichen kratzigen Stimme. Sie liest den Text fehlerfrei vor. Aber sie kommt nicht in die Haltungen. Wie jemand, der gerade schalten lernt, ruckelten wir durch den Text, mal zu schnell, mal irritierend langsam. Verständlich, ja, aber nicht so, dass sie es dem Zuhörer leicht gemacht hat, mitzukommen.

Und moderiert wurde der Abend von Günter Keil, der geübt darin ist, Lesungen zu moderieren und für Publikum aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Ich kenne ihn bisher nicht, aber er scheint ein netter Kerl zu sein, der sich von Boyle auch nicht einschüchtern lässt. Aber Boyle ist auch nicht der Typ der einschüchtert. Gerade mit dem Wissen um Keils Erfahrungen und Referenzen bin ich erschüttert von der Moderation und den Übersetzungen. Die Aufgabe des Moderators ist, durch den Abend zu leiten, bei einer Fremdsprache dafür zu sorgen, dass sich niemand zurückgelassen fühlt und im Auftrag des Publikums alle Fragen zu stellen, die sich das Publikum stellen könnte.

Gestern aber schafft Keil eben das nicht. Viel zu oft greift Boyle ein und lenkt das Gespräch in die Richtung in, in die es gehen sollte. So erzählt er beispielsweise, wie er kurz vor dem Abflug auf die Lesereise den neuen Roman beendet hat, Keil übersetzt und stellt eine vollkommen andere Frage. Woraufhin Boyle sagt, ‚Das Publikum fragt sich wahrscheinlich, worum gehts im neuen Buch.‘ Alle Applaudieren und Boyle erzählt also von LSD und Hofmann und so. Solche Korrekturen passieren ein paar Mal. Ich glaube nicht, dass T.C. Boyle irgendjemanden auflaufen lassen will, aber es gab ein paar Situationen, in denen er Keil auflaufen lassen musste, weil wichtige Dinge sonst nicht zur Sprache gekommen wären. Weiterhin hat Keil frappierende Übersetzungsfehler gemacht.

Es ist keine leichte Aufgabe, ausschweifende Antworten und Pointen so ins Deutsche zu übertragen, dass sie funktionieren und nicht für den Großteil des Publikums redundant sind. Ich verstehe, dass man als jemand, der kein Englisch spricht, viel leider nicht mitbekommt und es auch leider nicht wirklich anders geht. Zumindest nicht ohne größeren Aufwand. Aber Keil hat gestern regelmäßig falsch übersetzt. Er spricht ihn ganz am Anfang auf die roten Chucks an und Boyle antwortet: ‚Frau Boyle told me to wear them, so I do, for 20 years now.‘ (Frau Boyle, hat mir gesagt, ich soll sie anziehen, als tue ich das. Mittlerweile seit 20 Jahren.) Keil übersetzt: „Er hat sich die Sachen in einem Laden ausgeliehen und trägt sie deshalb.“

Wie gesagt, der Job des Moderators ist kein leichter und ich verstehe auch, dass man nicht immer alles so schnell verstehen und übersetzen kann, wie man sollte. Aber das blieb kein Einzelfall, sondern zog sich durch durch den gesamten Abend. All das wäre sogar noch okay, wenn nur mir das mit geschultem Ohr auffallen würde. Aber wenn selbst die Sanitäterin, die nur halb zuhört, weil berufsmäßig da ist, von der Moderation und den (Fehl-)Übersetzungen irritiert ist, dann – so leid es mir tut – ist das ein Problem.

Schade. Aber dennoch, T.C. Boyle zu sehen, lohnt sich jedes Mal. Und ich hoffe auch noch viele weitere Male.

Film: Das Spiel, ‚Gerald’s Game‘, nach einem Roman von Stephen King

Um das Liebesleben und die Beziehung wieder in Fahrt zu bringen, wollen Jessie und Gerald das Wochenende alleine auf ihrer Hütte verbringen. Dann erleidet Gerald einen Herzinfarkt, während Jessie ans Bett gekettet ist.

Vor etwa 15 Jahren hatte ich Stephen King für mich entdeckt und schon durch einige Romane gelesen, als ich Das Spiel in der englischen Ausgabe bekam. Ich fing auch an zu lesen, kam auch an den Punkt, an dem Gerald stirbt (übrigens stirbt er im Roman nochmal ein bisschen anders und tatsächlich in einer bestechenderen Version), aber mit 15 war mein English nicht sicher genug, um durch den Roman zu kommen. Und es gibt auch immer viel anderes zu lesen. Seit kurzem ist der Film verfügbar.

Ein Kammerspiel, der Großteil des Films spielt im Schlafzimmer, in dem Jessie am Bett hängt und, ja auch mit realen Bedrohungen wie einem eindringenden Wolfshund und Wassermangel, aber viel schlimmer noch, mit ihren Ängsten und ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat. Gerald stirbt zwar am Anfang des Films, aber er ist dank Jessies Fantasie bis zum Ende dabei.

Ein wirklich beängstigender Psychothriller, der am Ende auch in Richtungen geht, die ich nicht erwartet hätte und ihn auch sehr aktuell macht. Man braucht starke Nerven, weil mindestens eine Szene extrem explizit wird, so sehr, dass mir schlecht geworden ist. Ein Film, der mich beeindruckt hat und mir Lust macht, jetzt doch noch den Roman zu lesen.

Das Spiel, nach einem Roman von Stephen King, mit Carla Gugino und Bruce Greenwood ist auf Netflix verfügbar. Dort gibt es auch einen deutschen Trailer, den ich leider nicht einbinden kann.

Franzobel, Miguel de Cervantes & die Stuttgarter Buchwochen #buwo17

Seit 2015 bin ich regelmäßig auf den Stuttgarter Buchwochen. Einerseits eine Kleinstvariante einer Buchmesse: Verlage stellen dort ihre Bücher aus. Viel weniger Verlage und minimalere Darbietung. Aber weil es viel weniger Besucher sind, kann man sich wirklich Zeit lassen und intensiv die Bücher ansehen. Andererseits Veranstaltungen, größtenteils gekoppelt mit dem Gastland, diesmal Spanien.

Mittlerweile eine Tradition ist die Blind-Date-Lesung von einem AutorIn der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Problem bei Blind Dates ist, Leute kommen nicht, weil es ja schlecht sein könnte. Schade für Franzobel, der dann vor relativ wenig Publikum saß und aus Das Floß der Medusa las und erzählte. Davor saßen ein paar Buchblogger mit Franzobel zusammen, wir haben gegessen und getrunken und mit ihm über das Schreiben gesprochen. Das war ganz schön. Und interessant. Und aufschlussreich.

Danach eben seine Lesung, eine Mischung von Geschichtsstunde über das reale Floß der Medusa und dem dazugehörigem Bild und der Lesung von ein paar Stellen aus dem Roman, gelesen mit einer guten Portion österreichischem Akzent. Was den Roman angeht, bin ich zwiegespalten.

Einerseits spielt Franzobel ziemlich schön mit der Erzählfigur, macht witzige Kommentare und sehr ausführliche Beschreibungen. Andererseits weiß ich nicht, ob ich davon knapp 600 Seiten lesen muss.

Das Gefühl kenne ich. Miguel de Cervantes auf den Stuttgarter Buchwochen. #buwo17 #cervantes

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Wenn man über Literatur in Spanien redet, muss man natürlich über Miguel de Cervantes sprechen. Diesmal ganz schön, die Biografie von Cervantes wird in einer Graphic Novel erzählt, deren Bilder großformatig ausgestellt sind. Auftakt der ganzen Buchwochem machte auch eine Lesung aus der neuen Übersetzung von Susanne Lange aus Don Quijote, gelesen von Wolfgang Tischer und Lilian Wilfart.

Noch bis 3. Dezember gibts spanisch angehauchtes Programm, von Filmen über Sprachkurse und Graphic Novel Werkstatt ist alles dabei. Schaut es euch an. Lohnt sich.

Film & Verlosung: Paddington 2

Als 2014 Paddington gesehen habe, war ich sehr überrascht, weil ich nicht gedacht hätte, dass mich ein Film über einen Bären in London so unterhalten könnte. Ich habe ihn unter anderem gesehen, weil David Heyman ihn produziert hat, er hat ein gutes Händchen für Stoffe, so hat er sich damals die Filmrechte für Harry Potter gesichert und alle acht Filme produziert. Und dann eben auch Paddington.

Damals habe ich mir vorgenommen, danach endlich die Bücher zu lesen, was ich bis heute nicht geschafft habe. Dafür steht der neue Film an!

Mittlerweile lebt Paddington also in London und will seiner Bärentante Lucy zum 100. Geburtstag ein altes Pop-Up-Buch aus einem Antiquariat kaufen. Doch kurz bevor er das Geld dafür zusammen hat, wird genau dieses Buch gestohlen und Paddington wird verdächtigt. Was natürlich niemand auf sich sitzen lässt.

Ich musste im Film öfter mal den Erwachsenen in mir abschalten, der dachte, Aber das geht doch nicht. Weil es eben doch ein Kinderfilm ist.

Aber wenn man sich darauf einlässt, dann wird man knapp zwei Stunden extrem gut unterhalten. Kein Aufguss des ersten Films, sondern ein warmer, freundlicher und überraschend actionreicher Film, der nicht nur Slapsticknummern hat, sondern auch immer wieder intelligenten Humor zeigt. Wie es eben gute Kinderfilme können müssen: Man lacht oft dann, wenn Kinder lachen, und schmunzelt an vielen weiteren Stellen, die man als Kind noch übersieht.

Ein schöner Film, der Lust auf einen weiteren macht. Ein Glück ist dieser schon angekündigt. Bis dahin, erstmal diesen sehen.

Paddington 2 läuft ab dem 23. November im Kino.

Verlosung: 

Studiocanal hat mir ein Paket zur Verfügung gestellt, zu gewinnen gibt es zwei Freikarten, das Stickeralbum und das Bilderbuch zum Film.

Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) mit eurer Adresse und sagt mir, welchen Kinderfilm hättet ihr gern schon als Kind gesehen?

Der Zufall entscheidet dann. Einsendeschluss ist Dienstag, der 21. November, 12 Uhr. Dann geht das Paket direkt raus und ihr könnt zum Filmstart am 23. im Kino sitzen. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

After I met you, I saw myself as another: Die Anthologie des 28. Würth-Literaturpreises mit einem Text von mir.

Jedes Jahr lobt die Tübinger Poetik-Dozentur den Würth-Literaturpreis aus, der letzte unter der Schirmherrschaft von Siri Hustvedt und Vittorio Gallese und dem Thema After I met you, I saw myself as another.

Die ersten beiden Plätze werden prämiert, die 14 besten Texte werden in der Anthologie veröffentlicht. Meine Geschichte Die Frau wäre ein gutes Ende ist darin enthalten.

After I met you, I saw myself as another, die Anthologie des 28. Würth-Literaturpreises wurde herausgegeben von Dorothee Kimmich und Philipp Ostrowicz, unter Mitarbeit von Tamara Fröhler und erschien bei Swiridoff.

So war meine Frankfurter Buchmesse 2017 #fbm17

Hej #fbm17. Du und ich. Bis Sonntag. Wird geil! #mixtvision #buchmesse

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Ich wollte das schon viel früher geschrieben haben, aber ich bin aus der Buchmesse fast ungebremst in Stuttgart liest ein Buch gerutscht und brauchte danach ein paar Tage, um wieder klar zu kommen.

Meine Buchmessenbesuche sind fest eingeplant. Und natürlich habe ich dort auch ein paar Termine. Aber ansonsten versuche ich sie freizuhalten, ich gucke mir keine Programme an und gehe auf sehr wenige Bloggertreffen oder Events. Und wenn mich Leute fragen, ob ich ‚beruflich‘ auf der Messe bin, dass weiß ich nie, was ich genau antworten soll. Weil, natürlich bin ich auch als Autor dort, und als Sprecher und als Journalist. Deshalb habe ich dort auch Termine. Aber vornehmlich bin ich dort, weil sowohl in Frankfurt, als auch in Leipzig ganz schön viele Menschen aus dieser Branche zusammenkommen, die ich sonst sehr selten sehe.

Also mache ich tagelang genau das: Ich laufe durch die Messehallen, treffe Menschen, die ich kenne, treffe Menschen, die ich bisher nur übers Netz kenne und lerne ganz neue Menschen kennen. Ich spanne mein Netz in dieser Branche enger. Weil aber Frankfurt eine Fachmesse ist, auf der sehr viele Deals gemacht werden, klappt dieses spontane Treffen von Menschen immer nur mehr oder weniger gut, weil manche Leute ihre Termine schon Monate vorher ausgecheckt haben. Und natürlich verpasse ich unglaublich viele tolle Termine und Menschen, weil ich eben nicht vorher plane. Aber so ist das, das ist Teil des Spiels.

Nach zwei Tagen fange ich dann an, mir Bücher und Stände anzusehen, aber ehrlich gesagt, ich bin jedes Mal neu überfordert, neu demotiviert und neu irritiert, wie eine Branche, die so viel darüber jammert, wie schlecht es ihr geht, so viel Inhalte produzieren kann. Geht mir ja schon in einem Buchladen so, ich bin hart überfordert davon, wie viele Bücher es gibt. Und erst auf der Buchmesse!

Besonders der Schriftsteller in mir hatte dieses Jahr gut zu zweifeln an diesem ganzen Konzept des „vom Geschichten erzählen leben“. Aber die Messe liefert auch das Gegenmittel, durch Menschen, die einen wieder stärken, durch Ex-Kommilitonen und Freunden aus Hildesheim, von denen natürlich viele auch auf der Messe sind, aber auch durch kleine Momente und Überraschung, die ich dann doch nicht erwartet habe.

Buchmesse, Tag 3. Langsam kommen sie, die Menschen. #fbm17

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Was mich ebenso überrascht, einerseits positiv, wie viele Besucher da sind. Es geht ja noch ganz gut los, aber spätestens am Freitag Nachmittag wurde es so voll, dass es irgendwann keinen Spaß mehr macht, durch die Hallen zu traben. Samstag Nachmittag war’s mir dann zu krass und habe meine Zeit in Frankfurt für beendet erklärt. Es freut mich wirklich, dass sich so viele Menschen für Bücher und Geschichten interessieren, aber es muss doch einen Weg geben, die Messe dann so zu konzipieren, dass immer noch alle Spaß daran haben.

Nebenbei, es sind so viele Menschen, die sich für Geschichten interessieren, dass andere Sparten der Unterhaltungsbranche da ein paar abgreifen wollen. Netflix hat sich einfach einen Stand gemietet, das Set der ersten deutschen Eigenproduktion Dark – eine Zeitreisemysterieserie –  aufgebaut, eine Hostess samt großem Monitor daneben gestellt und nichts anderes gemacht, als den Trailer in Endlosschleife zu zeigen.

Krasser, frecher, aber geiler Move. Und eben genau das, ein Beweis, dass sich auf einer Buchmesse genug Menschen tummeln, die das interessieren könnte.

Meine wirklich bedenkliche Überraschung, dass ich das Gefühl habe, dass diese gesamte Branche vor Angst erstarrt und versucht, genauso Bücher zu verkaufen, wie sie es vor 20 Jahren gemacht haben. Ich ahne, dass diese Industrie die gleichen Fehler machen will, wie die Musik- und die Filmindustrie. Vor zwei Jahren habe ich 5 Dinge aufgeschrieben, die Verlage heutzutage besser machen könnten. Die Tage auf der Messe dieses Jahr haben mich oft an diese Dinge denken lassen. Ich glaube, Verlage müssen extrem umdenken, um nicht gnadenlos gegen die Wand zu rennen.

Trotz all dem, – und auch trotz der gesamten Problematik mit den Neuen Rechten, die ich nicht persönlich mitbekommen habe – bin ich erschöpft, aber zufrieden zu Hause angekommen und freue mich auf das kommende Jahr, auf Leipzig und Frankfurt. Immer wieder gern.

Ciao #Buchmesse. Hallo Realität. #fbm17

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Ab jetzt: Die Literatur-Ausgabe des Trott-war mit einem Text von mir.

Trott-war ist die Straßenzeitung in Stuttgart und Umgebung, die von Straßenhändlern verkauft wird und die dafür die Hälfte des Verkaufspreises einbehalten dürfen. Aktuell gibt es die Literatur-Sonderausgabe und in ihr bin auch ich vertreten, zwar mit falsch geschriebenem Nachnamen, aber mit einer Fassung des Textes „Der richtige Zeitpunkt, um mit dem Helfen aufzuhören

Wenn ihr die Verkäuferinnen und Verkäufer seht, kauft ihnen gern ein Exemplar ab.

Lesung: Tad Williams am 19.10.17 in der Stadtbibliothek Stuttgart

Stuttgart liest die Tage nicht nur ein Buch, sondern feiert auch die Dragon Days, ein Crossmedia-Fantastikfestival, organisiert von Tobias Wengert. Seit 2012 zieht der Mann ziemlich geilen Scheiß nach Stuttgart, unter anderem regelmäßig Tad Williams.  Neben all seinen Fantasyromanen hat er die Otherworld-Reihe geschrieben, die mich vor vielen Jahren sehr lange gefesselt hat. Nun ist sein neuester Fantasyroman draußen, Die Hexenholzkrone. Ich habe den Roman noch nicht gelesen, kenne auch nicht die anderen der Osten Ard Reihe. Aber nachdem er bereits zum dritten Mal in Stuttgart war und er mittlerweile 60 ist, musste ich ihn endlich mal sehen.

Der Max-Bense-Saal im Untergeschoss der Bibliothek ist gut gefüllt und in fast allen Händen oder Taschen liegen dicke Bücher. Und weil das hier die Dragon Days sind, ist das auch keine normale Lesung. Zuerst wird der Gewinner des Kurzgeschichtenwettbewerbs verkündet und seine Geschichte wird von Barbara Stoll vorgetragen, tatsächlich ganz schöne Geschichte. Erst dann springt Tad Williams auf die Bühne.

Er springt tatsächlich. Wenn man nicht wüsste, dass er 60 ist, könnte man ihn auf 12 schätzen. Während seiner Lesung gestikuliert er, lümmelt in seinem Sessel, wenn er zuhört, und wenn er Antworten gibt und Anekdoten erzählt, springt er auf der Bühne herum. Er hat offensichtlich Spaß, er weiß, wir man Menschen unterhält und begeistert. Björn Springorum ist der Moderator, Fragensteller und Spielpartner auf der Bühne. Ich musste auf die nüchterne, manchmal leicht entrückte Art von Björn erstmal klarkommen, aber sehr schnell war klar, dass Björn – selbst Fantasyautor – nicht nur zum Fragen stellen daneben sitzt, sondern sie sich auf Augenhöhe unterhalten. Und das sind die schönsten Interviews.

Tad erzählt und kommentiert, macht Witze und liest vor. Klar ist er geübt in all dem, aber trotzdem ist es keine Routine, die er abspult. Es macht extrem viel Spaß, auch wenn man die Welten, von denen er redet, nicht kennt. Die Lesung ist relativ kurz und das ist vollkommen in Ordnung. Es geht mir mehr darum, ihn zu erleben. Und das ist ein großartiges Erlebnis. Die deutsche Lesung von Barbara Stoll ist auch gut, aber nicht ganz so großartig, wie ich es mir erwünscht hätte. Und ja, ich bin traurig, den „Stammsprecher“ Andreas Fröhlich nicht zu erleben.

Mitten in der Veranstaltung kommt er musikalische Überraschungsgast. Sebastian Barwinek ist Folksänger und hat unter anderem ein paar Songtexte, die Tad Williams in seine Bücher geschrieben hat – jedes große Fantasywerk braucht eigene Songs, die die Helden singen – vertont. Zwei trägt er vor. Und tatsächlich funktioniert das extrem gut. Zieht uns noch viel weiter in diese andere Welt.

Ich bin ja dafür, dass es zu den Büchern ab jetzt immer einen Soundtrack gibt.

Ich war frech an diesem Abend. Schnappte mit den letzten Stuhl in der ersten Reihe, stelle die erste Publikumsfrage, stellte mich ganz nach vorne, was das Signieren anging. Ich musste manchmal an TC Boyle denken, dessen Lesungen ähnlich viel Spaß machen. Boyle ist zehn Jahre älter. Hoffentlich ist Williams mindestens genauso lange fit und kommt immer wieder vorbei. Ich freue mich sehr drauf.

Danke an Klett-Cotta für die Möglichkeit. Und wer es nachgucken will, Lovelybooks hat einen Livestream aufgezeichnet. Leider mit verschobenem Ton, aber es lohn sich dennoch! Jetzt gefixed!

 

 

Ab heute: Das Literaturfestival „Stuttgart liest ein Buch“ #sleb17

Am Dienstag geht es los: Stuttgart liest ein Buch #sleb17 #stuttgart #shidabazyar

A post shared by Wolfgang Tischer (@literaturcafe.de) on

Knapp ein Jahr haben wir nun in die Organisation von „Stuttgart liest ein Buch“ gesteckt und jetzt geht es endlich los. Rund um den Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar gibt es in den nächsten zehn Tagen 36 Veranstaltungen: Lesungen, Werkstattgespräche, Workshops zum Augenbrauenfadenzupfen, Filmvoführungen und so viel mehr. Ein ganzes dickes Heft davon.

Es ist viel tolles dabei und es ist so viel, dass man gar nicht überall teilnehmen kann. Ich kann nur empfehlen, alle Veranstaltungen durchzugucken und komme nicht umhin, auf die beiden Dinge, herauszuheben, an denen ich hauptsächlich beteiligt war.

Mixed Martial Ausländer, eine Literaturintervention im Gerber

Die Stadt wird bereichert von dem, was uns Shida Bazyar zu sagen hat. Aber was sagt die Art, wie wir sie betrachten über uns? Um gar nicht erst in Gefahr zu kommen, die Herkunft der Autorin als Sensation für gelangweilte, schönwetter-liberale Hipster misszuverstehen, starten drei deutsche Ausländer eine literarische Intervention im Gerber.

Der Stuttgarter Alibirusse und Poetry Slam Macher Nikita Gorbunov und der Münchner halb-japanische. halb-deutsche Bühnenpoet Andivalent treffen auf die Slammerin und Schauspielerin Fatima Talalini aus Dortmund, die mit Ihrem Doppelmigrationshintergrund Halb-Polin-Halb-Syrerin alles zervielfaltet, was sich ihr in den Weg stellt.

Zusammen präsentieren die drei einen Borschtsch der Wortkunst. Das Programm enthält rasante Bühnenprosa, innige Poesie und Scharfsinn mit extra Scharf. Garniert mit Publikumsfragerunden und einer Eroberung des öffentlichen Raums über die Stadtkaufhaus-Sprechanlage, halten die Mixed Martial Ausländer sich selbst und den Zuschauenden etliche Spiegel vor. Und sie können gut Deutsch. Und SIE können auch gut Deutsch. Alle können gut Deutsch. Und haben Spaß daran.

Dienstag, 24. Oktober im Gerber, um 16:00 Uhr und um 18:00 Uhr jeweils eine Stunde. Eintritt frei.

Die Laden-Lese-Tour: Der gesamte Roman in neun Stunden an neun Tagen an neun Orten.

Omid-Paul Eftekhari, Johanna Maria Zehendner, Chantal Busse und ich lesen den kompletten Roman an neun verschiedenen Orten für jeweils eine Stunde. Wer will, kann sich das ganze Buch an neun Tagen vorlesen lassen, nebenbei einen Laden kennenlernen und mit anderen ZuhörerInnen ins Gespräch kommen. Wir haben es mit dieser Aktion auf die Shortlist des Orbanism Awards geschafft und wollen nun euch von diesem Buch begeistert. Die Tourdaten gibt es hier.

Was immer euch interessiert, ich hoffe euch in den kommenden Tagen bei Stuttgart liest ein Buch zu sehen. Mit Buch.

 

Hörbuch: Hier bin ich von Jonathan Safran Foer, gesprochen von Christoph Maria Herbst

Hörstoff: Hier bin ich bin Jonathan Safran Foer, gelesen von Christoph Maria Herbst. #amlistening #hoerbuch #argon

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus Hier bin ich:

Zu Beginn der Zerstörung Israels überlegte Isaac Bloch, ob er sich umbringen oder ins jüdische Seniorenheim gehen sollte.

Jacob und Julia haben drei Kinder, sich aber sonst ziemlich weit auseinandergelebt. Jacob schreibt für eine Fernsehserie, die er scheiße findet und scheitert an seinem Herzensprojekt und an seiner Ehe. Und dann kommt dieses Erdbeben und zerstört Israel.

Ähnlich konfus wie diese Inhaltsangabe ist auch der Roman selbst. Während ich in der ersten Hälfte der langsamen Demontage der Ehe von Jacob und Julia zugucke, die zwar besonders in den Dialogen mit sehr viel Feinheit gezeigt wird, mit aber generell viel zu lange dauert, geschieht in der zweiten Hälfte des Romanes so viel, dass ich kaum hinterher komme.

Für mich versucht Jonathan Safran Foer, zwei Geschichten in eine zu packen. Zwei Geschichten, die so unterschiedlich sind, weil die erste Atmosphäre und Gedankenwelt erzählt und die zweite so viel Plot hat, dass er kaum unterkommt in seiner zugeteilten Hälfte des Romanes. Während ich im ersten Teil wohl aufgehört hätte, wenn ich nicht das Hörbuch auf den Ohren gehabt hätte, hätte ich den zweiten Teil gerne ausführlicher gehabt. Als Einheit lässt mich der Roman einigermaßen verwirrt zurück.

Christoph Maria Herbst als Sprecher verstärkt dieses Gefühl leider. Weil Christoph Maria Herbst für mich nicht nur Stromberg, sondern auch der Hörbuchsprecher von Tommy Jaud ist. Wenn ich ihn sehe oder höre, dann erwarte ich Comedy. Dann grinse ich in freudiger Erwartung, selbst, wenn ich wie in diesem Fall weiß, dass das Buch nicht primär lustig ist. Dann warte, warte, warte ich und bin irritiert, weil eben nicht der große Witz kommt.

Was Christoph Maria Herbst extrem gut kann, sind die Dialoge. Das, was Jonathan Safran Foer vorschreibt, setzt Herbst so genau und genial um, dass ich ihm sehr gerne zuhöre. Wenn es dann in die Gedankenwelt von Jacob geht, ermüdet mein Interesse.

Vielleicht muss ich mich sowohl an Jonathan Safran Foer als unkonventionellen Autoren, als auch an Christoph Maria Herbst als Sprecher seriöser Romane gewöhnen. Nicht falsch verstehen. Ich mochte das Buch und den Sprecher irgendwie. Aber beide lassen mich einigermaßen verwirrt zurück.

Hier bin ich von Jonathan Safran Foer wurde übersetzt von Henning Ahrens, das Hörbuch wurde gesprochen von Christoph Maria Herbst und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.