Was übrig bleibt: „Schließlich gewöhnt man sich an wundersame Dinge. Man hält sie für selbstverständlich. Man kann zwar…“

“Schließlich gewöhnt man sich an wundersame Dinge. Man hält sie für selbstverständlich. Man kann zwar versuchen, das nicht zu tun, aber man tut es trotzdem. Es gibt einfach zu viele Wunder. Die sind überall.”

Später von Stephen King
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Roman: Zeit der Wildschweine von Kai Wieland

Ich nahm damals Unterricht im Kickboxen, weil ich ohnehin wie ein Kämpfer aussah.

Der erste Satz aus Zeit der Wildschweine

Leon ist Reisejournalist und nimmt den durchgeknallten Fotografen Janko mit auf eine Tour durch französische Lost Places – immer auf der Flucht vor dem eigenen Leben in der Provinz.

Schon im ersten Kapitel bettet Kai Wieland seinen Roman in Popkultur ein. Janko trägt sie als Tattoos über seinen ganzen Körper und Janko reagiert nie so, wie Leon oder wir es erwarten. Personalisierung des Zwiespalts, die sich durch Leon und den Roman zieht.

Kai Wieland erzählt klar und geradeheraus eine Geschichte, an die ich mich erst herantasten muss. Weil viel im ersten Drittel total gewöhnlich, fast überlesbar ist und ich mich wundere, was das da soll. Bis ich im zweiten Drittel – mitten in den fremden Ländern und Orten und zwischen faszinierenden Personen – verstehe, dass genau das „unser“ Problem ist. Unsere Begeisterung für Außergewöhnliches, die es uns erlaubt, uns vor den Dingen, die unsere Leben im Alltag prägen, wegzulaufen. Und dass es eben nicht nicht überlesbar ist, das erste Drittel. Sondern das, worauf es, wenn wir all die kurzen Kicks hinter uns lassen, ankommt.

Zeit der Wildschweine erzählt klar und schnörkellos den Zwiespalt zwischen Abenteuer und Alltag und wie der eine oder die andere damit umgehen.

Zeit der Wildschweine von Kai Wieland erschien bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Kai und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: Lux von Olivia Kuderewski

Wenn man in den Westen fährt, hat man die Sonne jeden Morgen im Rücken.

Der erste Satz aus Lux

Mir strahlt ein schwarzweißes, wunderschönes Cover entgegen, unten baumelt das Lesebändchen heraus und weil ich das Buch gerade schon einmal in meinen Händen gedreht habe, weiß ich von dem gelben Farbschnitt. Ich schlage es auf, das Papier fühlt sich rau und wertig an und ab dem ersten Satz zieht Olivia mich in ihren Roman.

Die Geschichte von Lux und ihrem Versuch, durch diese lang geplante Reise wieder zu Sinnen zu kommen. Die Vergangenheit bröckelt durch Halbsätze in die Geschichte und ich ahne, wie groß die Erwartungen und der Respekt vor dieser Reise sind, diesem Trip durch die USA, die Lux nur aus Träumen und hochauflösenden Bildern kennt und schon im ersten Kapitel ist das alles schon nicht mehr so gut, wie Lux es sich erhofft hat. Als Kat dann dazukommt, ist das wie ein Hoffnungsschimmer und ein großer Schritt Richtung Abgrund zugleich.

Ich liebe Olivias Schreibe, ihren Sound und ihre Beschreibungen. Was ich überhaupt nicht mag, ist die zerstörerische Kraft, die Lux und besonders Kat inne haben. Manchmal habe ich fast gegen meinen Willen weitergelesen, weil ich zwar wissen will, wie es weitergeht, gleichzeitig aber nichts mit dieser Welt zu tun haben will. Dieses Dilemma zieht sich bis kurz vor Ende des Buches, bis ich irgendwann Mitleid für die beiden empfinde, immer noch gemischt mit Widerwillen. Und dann ist es rum. Schade, weil großartige Sprache und Schreibe. Aber froh, weil ich diese beiden allein lassen kann.

Lux ist ein krasser Ritt mit tollen Bildern und sehr feiner Sprache, aber durch eine Welt, die nicht meine ist.

Lux von Olivia Kuderewski erschien bei Voland & Quist, der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Olivia und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Hörbuch: Chaos Walking von Patrick Ness, gesprochen von David Nathan

Das Erste, das du herausfindest, wenn dein Hund sprechen lernt, ist, dass Hunde nicht viel zu sagen haben.

Der erste Satz aus Chaos Walking

Patrick Ness hat den großartigen Roman zu Sieben Minuten nach Mitternacht geschrieben. David Nathan spricht seit Jahren alle Geschichten von Stephen King. Das reicht, um in Chaos Walking reinzuhören. Ich muss fairerweise sagen, dass ich mir auch den Trailer zur Verfilmung angesehen habe, die bald veröffentlicht werden soll.

Todd lebt auf einem Planeten, auf dem sich Siedler eine neue Welt aufbauen wollten. Leider hat ein Virus aber alle Frauen getötet und die Gedanken der Männer (und der Tiere) für alle hörbar gemacht. Todd wird bald 13 und damit zum Mann, als eine Kapsel vom Himmel fällt und Todd zum ersten Mal einem Mädchen gegenüber steht. Und dann geht die Flucht los.

Ich brauchte eine Weile, bis ich mit diesem Konzept der hörbaren Gedanken (Lärm) warm geworden bin. Mich hat nie losgelassen, warum das nur Männer trifft (und was das für Nicht-Cis-Menschen bedeutet), aber ich verstehe, dass Ness das für seine Geschichte braucht. Und es wird auch noch wichtig.

Einerseits ist Chaos Walking eine dystopische Reise, wie wir sie in den vergangenen Jahren (The Hunger Games, Maze Runner) immer wieder gesehen haben. Und ähnlich wie zumindest bei den Hunger Games passt der Film die Protagonist:innen so an, dass sie ein größeres Publikum ansprechen. Im Buch ist Todd, knapp 13, im Film wird er von Tom Holland gespielt, der 24 ist und vielleicht gerade so als noch 16 durchgeht. Aber niemals jünger. Dass David Nathan nun das Hörbuch spricht, macht Todd einerseits zwar auch älter, aber Nathan bekommt es schon gut hin, diese kindliche Naivität zu übertragen. Die Geschichte soweit macht Spaß, ich höre ihr gern zu. Ich kann sowieso gut mit solchen dystopischen Geschichten. Was Ness‘ Konzept der hörbaren Gedanken dann aber dann doch ziemlich faszinierend macht:

  1. Sprechende Tiere. Wir haben uns alle schonmal überlegt, was ein Hund oder eine Katze denken. Manchee ist der Hund von Todd, den er eigentlich nie haben wollte, der uns aber durch seine Art und als stellvertretender Sprecher seiner Spezies extrem schnell sehr ans Herz wächst. Und auch, was andere Tiere denken, ist in manchen Fällen witzig, in anderen sehr berührend.
  2. Nicht nur wir Leser:innen (oder Hörer:innen) hören den Lärm, sondern auch die anderen Figuren im Buch. Was Patrick Ness eine einzigartige Möglichkeit gibt: Die Leute um Todd reagieren auf die Geschichte. Mehr als einmal erzählt Todd uns etwas, so wie wir es aus anderen Ich-Erzählungen kennen. Aber jemand im Buch reagiert darauf. Das ist ein erfrischender Effekt, der mich jedes Mal neu fasziniert. Und es ist ein schönes Beispiel, wie manche Dinge nicht in allen Medien funktionieren. Während Buch und Hörbuch diesen Effekt sehr schön illustrieren, wird er beim Film nicht umsetzbar sein. Aber der Trailer lässt erahnen, dass der Lärm dafür auf seine eigene Art cool geworden ist.
  3. Der Lärm verstärkt die Angst der Männer den Frauen gegenüber. Achtung, Spoiler. Natürlich gibt es in der Gemeinde von Todd ein böses Geheimnis, das er nicht erfahren darf. Eines, das mit Unterdrückung zu tun hat. Im Laufe des Buches wird diese Mechanik „Lärm“ zu einer eindrücklichen Metapher unserer Realität, was Gleichberechtigung, Religion und toxische Männlichkeit angeht. Deshalb war ich irgendwann auch wieder okay mit dieser unerklärlichen Sache, die nur Männer betrifft.

Dieses Buch endet voll im Cliffhänger. Und bisher gibt es kein weiteres Hörbuch und auch keine weitere Bücher von Chaos Walking. Zumindest nicht in der Neuauflage. Nach ein wenig mehr googeln kommt raus, diese Trilogie ist vor mehr als zehn Jahren schon auf Deutsch herausgekommen, damals noch bei Ravensburger, unter dem Titel „New World“, aber schon mit diesem Hörbuch. Nun hoffe ich, dass der Film gut und so erfolgreich wird, dass auch die restlichen Teile von David Nathan eingesprochen werden.

Chaos Walking von Patrick Ness wurde übersetzt von Petra Koob-Pawis und eingesprochen von David Nathan und erschien bei DAV. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.